Widersprüchliches

 

Und plötzlich steht ein Mensch vor dir und ohne vieler Worte begreift ihr beide diese seltsame und sanfte Verbundenheit und ohne viel Aufhebens denkt ihr euch nichts dabei und dann seht ihr euch ein weiteres Mal und könnt die wortlose und dennoch oder gerade deshalb zärtliche Zuneigung nicht mehr ignorieren und beginnt miteinander zu schreiben und nach wochenlangem sehnsüchtigen Kommunizieren entschließt ihr euch dazu, ein Treffen abseits der zwei Arbeitstage und der aufgebauten Traumwelt stattfinden zu lassen, wissend, dass alle Widrigkeiten des Lebens gegen Liebe sind. Und die Zweifel an der eigenen so merkwürdigen und närrisch bockigen, und gerade wegen der starken, Gefühle helfen der Situation nicht.  Und trotzdem rückt alles Dagegensprechende in den Hintergrund und wird nichtig, da die Anziehungskraft übermäßig und dergestalt heftig ist, dass ein Rückzieher in keinem Fall akzeptierbar bleibt und ein „Was wäre wenn“ schon gar nicht. Und ihr fiebert dem Wiedersehen entgegen, die Einwände und Unsicherheiten außer Acht lassend, freuend und täglich nervöser werdend, da nicht gesagt ist, dass das Geschriebene, Gedachte und alles Gefühlte auch der Realität entspricht. Und dann ist es soweit und ihr beide könnt nicht glauben, dass der Zustand miteinander sich in real genauso verhält wie in Gedanken tausende Male abgespielt und alles andere sogar mehr als ein ganzes Stück besser läuft, als es in der Vorstellung der Fall war. Und ihr seid glücklich im Moment lebend, einfach seiend und unheimlich dankbar, es gewagt zu haben und absolut perplex, weil ihr nicht und nicht in den Kopf bekommt, dass gerade alles so geschieht, wie es sich zuträgt, da es schon zu perfekt zu sein scheint.

Und dann taucht da still und heimlich und immer größer werdend die Frage auf, die Frage nach dem Weitergehen. Und beide sitzen sich nicht ratlos gegenüber, da der eine wieder zurück geht und der andere weiter bleibt. Und die Antwort schreibenderweise lautet wie aus einer Hand: trotzen – den Widrigkeiten. Sie auflösen funktioniert nicht, nicht daran denken auch nicht und sie umgehen schon gar nicht. Aber trotzen, trotzen geht und es bleibt – nichts anderes übrig und alles, wie es zuvor war, mit einem Menschen im Herzen reicher und eine Sehnsucht nach so vielem Neuen und eben Entdeckten mehr verspürend als möglich und vor allem mit der Hoffnung, dass alles gut geht. Und so lange es noch nicht gut geht, wird getrotzt – so gut es geht. Die Umstände bleiben, der Wille auch. Und so schaut ihr beide bangend, weil Grenzenüberschreitendes auf dem Spiel steht, welcher Atem länger ist, darauf wartend, dass die Widrigkeiten gehen und die Gefühle bleiben und hoffend, dass dieser Traum, der Realität werden soll, aufrecht erhalten wird.

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Uta

Der Tag heute hätte dir gefallen, so viel Liebe und Gefühl, so viel Zusammenhalt und Rücksicht, so viele liebe Menschen und Worte – deinetwegen. Du wärst gerührt gewesen. Vermutlich hätten dir die Worte gefehlt, obwohl du immer die richtigen für jede Situation parat hattest, was an deiner Einstellung zum Leben lag. Du warst heute dabei und hast trotzdem irrsinnig gefehlt! Jedem von uns! Aber wir nahmen dich in die Mitte und ließen dich hochleben für deine wunderbare Seele, mit der du uns so oft bereichert und inspiriert hast. Du hast mit uns gelebt, dass es sich nicht anfühlte, als wärst du nicht mehr da. Den ganzen Tag über war es, als seist du dabei. Sitzt irgendwo in den Reihen der Kapelle oder unterhältst dich gerade prächtig mit jemandem nach dem Essen im großen Saal. Prostest mir lächelnd vom anderen Ende des Raumes zu und nimmst einen Schluck vom Rotwein, weil wir das immer so machten.

Du hast immer das Gute in jedem gesehen und das Leben mit jedem Atemzug aufgesogen und genossen. Ich nehme so viel mit von deiner Art das Leben zu leben. Ich feiere dich und hab so viel gelernt von dir. Sich im Moment zurückzunehmen, sich einmal nicht so wichtig zu nehmen, wie ich es oft tat, und jeden Moment als wertvoll empfinden – das hab ich mir abgeschaut und es tut so gut, das Leben genauso zu sehen. Bei jeder Familienfeier hast du gesagt, dass du so unendlich dankbar bist und wir es alle sein können, hier und heute zu leben, ohne Krieg, Schmerz und Leid, mit all unseren Liebsten zusammen zu sein und in Frieden sein zu können. Du hast so recht! Wir können uns so glücklich schätzen. Ich bin so dankbar, dass mein Papa und meine Mama zusammen gefunden haben und dass ihr, du und Wolfi-Opa, mich an- und aufgenommen habt, einfach so, als euer Enkerl. Das ist ein wertvolles Geschenk, dass ich demütig annehme/angenommen habe. Ich danke euch dafür von ganzem Herzen, das ist nicht selbstverständlich. Ich kenne einige Familiengeschichten, die nicht, so wie unsere, von Zusammenhalt, Gemeinsamsein und füreinander Dasein geprägt sind. Wir können uns immer auf uns verlassen, nicht nur wenn es hart auf hart kommt. Ich genieße alle Momente, alle bereichernden Gespräche und Diskussionen und ganz besonders unsere Leichtigkeit beim Zusammensein. Jedes Treffen war ein Genuss, nicht zuletzt den Spaß, den wir jedes Mal hatten, ich kam oft mit einem Lächeln auf den Lippen und einem warmen Gefühl im Herzen nach Hause. Es war immer lustig, der Schmäh is grennt. Ich denke gerade an unsere Poker-Abende – Leg dich endlich nieder! 🙂 Wir haben gelacht und das Leben gefeiert. Das wird natürlich jetzt auch noch so sein und du wirst in unser aller Herzen immer mit dabei sein. Ohne dich gehts nicht! Ich bin so dankbar, dich kennengelernt zu haben und deine Art zu leben miterleben durfte. Du bist so eine positive, lebensbejahende Person – das hab ich mir abgeschaut.

Ich habe heute so viele Menschen umarmt und auch deine immer gefühlvollen, zärtlichen und warmherzigen Umarmungen gespürt. Ich bin sehr stolz, deine Enkelin sein zu dürfen und ich werde dich immer im Herzen behalten. Viele Menschen verlieben sich in jemanden und heiraten in eine Familie ein, die nicht so großherzig ist oder eine ganz andere Einstellung zum Leben hat. Das hätte auch meiner Mama passieren können. Dem war Gott sei Dank nicht so!

Jedes Mal, wenn wir Frauen zusammensaßen, spürte ich eine tiefe Verbundenheit. Du warst eine Feministin, auch wenn nicht lautstark, aber trotzdem so laut, dass ich es hörte und so stark, dass man sich dich nur als Vorbild nehmen konnte. Du warst so vielseitig, ob die Töpferei, Malerei, die Astrologie oder dein Blick auf die Welt. Wie Papa heute sagte, eine Wegbereiterin, eine grandiose Wegbegleiterin und Spitzenköchin, alles nur für deine Lieben und ich bin so froh, dazugehört zu haben. So viele Momente, die nur uns gemeinsam gehören, werde ich immer in mir tragen.

Wir alle werden auf den Opa aufpassen und ihn in unsere Mitte nehmen und zusammenrücken, ihn festhalten, so wie du es dir gewünscht hättest – so wie du es uns gelehrt hast.

Ich weiß, weil du es mir sagtest, dass du stolz auf mich bist. Das ehrt mich so! Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich werde mir treu bleiben und meinen Weg gehen, denn das hättest du gewollt. Ich werde das Beste aus jedem Moment machen und das Beste aus allem schöpfen, auch wenn das Leben mir Steine in den Weg legt. Du bist eine große Inspiration für alle, die dich kennenlernen durften. Du bist ein großartiger und herzensguter Mensch und wirst nie vergessen sein, darauf kannst du dich verlassen. Du wirst immer bei uns sein. Du bist unsere Uta.

Gedankenflug

An Schlaf war nicht zu denken, bloß ans Leben und Beziehungen, an meine Beziehung .. ach, an nichts Bestimmtes und das Übliche. Das Schwarz der amerikanischen Nacht verfärbte sich dezent zu einem Dunkelblau und ein einzelner Stern leuchtete dem Flugzeug den Weg Richtung Heimat mit Zwischenstopp. Der helle Punkt stieg langsam immer weiter auf und mit der Zeit konnte man auch wieder Wolken im Mittelblau erkennen. Die Blautöne wechselten sich im Minutentakt ab und ich konnte meine Augen nicht abwenden.

Es war mir auch egal, dass ich an der kleinen Scheibe denselben Fettfleck meiner Stirn hinterließ, wie ich ihn so hasse, wenn ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel Platz nehme, da ich selbiges dann nicht mehr tun kann und mir dauernd vorstellen muss, welcher grausige, fettgesichtige, picklige Mensch hier wohl zuvor gesessen hat, gleichwohl wissend, dass auch ich einen fettigen Abdruck hinterlassen werde, der andere dazu veranlasst, darüber zu sinnieren, welche Abartigkeiten meinen Körper oder zumindest meinen Kopf zieren.

Ein tiefes leuchtende Rot kam schwadenartig zum Vorschein und alles lichtete sich mit einem Mal. Ich sah bedächtig zu, zog meine Beine hoch, genoss währenddessen Damien Rice in meinen Kopfhörern und den Ausblick, den die Grenzenlosigkeit mir vor mir bot und war über den Augenblick dankbar. Ich erkannte den Wert des Moments, solche Zeiten mit mir allein haben eine ganz besondere Bedeutung für mich, auch wenn ich mich ob des bevorstehenden und mit Sicherheit anstrengenden Seminars ins Träumeland begeben hätte sollen.

Plötzlich entdeckte ich weit unter meinem Stern, der schon im Hellblau verschwinden wollte (auch er ging anscheinend schon schlafen), einen gleißenden, winzigen und blutroten Strich in der Wolkenwand, der immer größer und breiter wurde. Rundherum waren alle warmen und kalten Farben, die es gab, auszunehmen, augenscheinlich wechselte sich die Nacht mit dem Morgen ab und der grelle leuchtend rote Streifen verwandelte sich zu einer hellen orangenen Halbkugel. Die Sonne begrüßte mich mit freudestrahlenden Sonnenstrahlen, sie strahlte bald so hell, dass ich nicht mehr direkt beobachten konnte, wie sie immer weiter aufstieg. Ich blickte zur Seite, einmal noch in die Nacht, die bald hinter mir lag und erkannte.. ein Herz!? Täuschten mich da meine Augen? Ja klar, ich war übernachtig, sollte die längste Zeit schon schlafen, um möglichst ausgeruht anzukommen, aber es waren die Umrisse eines Herzens. Ich kenne das Phänomen, wenn man lange in gleißendes Licht sieht und dann schnell auf einen anderen Punkt einer flachen und andersfärbigen Fläche, sodass man oft kleine Schatten wahrnehmen kann. Genauso wie bei diesen PC-Bildern, bei denen angegeben wird, 30 Sekunden aufs Bild und danach auf eine weiße Wand zu starren und plötzlich erscheint dort Marilyn Monroe oder Ex-Präsident Bush.

Ich sah ein Herz. Einmal noch in die Sonne. Einmal noch ins letzte Dunkelblau des Himmels. Unwiderruflich, es war eines. Die Sonne hatte die Form eines Herzens. Ich glaubte nicht an Zeichen und Symbole. Im Display der Rücklehne des Vordersitzes sah ich, dass sich Ed Sheeran ankündigte, ich war damit einverstanden und ließ ihn gewähren. Im selben Augenblick deutete mir die etwas zu sehr geschminkte Flugbegleiterin mit einem steifen Lächeln und einer seltsamen Handbewegung, dass ich das Verdeck runterziehen solle, sie gestikulierte weiter mit ungelenken Gebären und ich vermutete, sie meinte, das Licht störe die anderen Fluggäste, da es immer heller wurde und wir gerade einmal 23 Uhr Abflugortszeit hatten. Mit einem schiefen Grinser verabschiedete ich mich von der tatsächlich schon blendenden Sonne, schob die Klappe trotz allem widerwillig zu und hatte auf einmal keine Lust mehr auf Ed, lieber war mir Sophie Hunger, die ich mit großer Freude auch in dem Musikordner der Schweizer Airline fand. Ich ließ meine Beine über die Lehne baumeln, quetschte den kleinen Polster zwischen Schulter und Kopf, richtete die Earphones und schloss die Augen. Dieses Flugzeug ist wirklich geräumig, Beine über die Lehne? Das gibt es selten. Noch 2 1/2 Stunden bis Zürich, noch zehn Stunden bis zum Startschuss des neuen Seminars. Im Geiste ging ich alle Internetseiten durch, die ich aufrufen musste, um an die Unterlagen und Materialien zu kommen, die für die TeilnehmerInnen wichtig waren.

Meine Beziehung war schon lange nicht mehr das Gelbe vom Ei. Oft kam es mir so vor, als halte ich krampfhaft an ihr fest, mit dem Wissen, dass es nur noch der besagte Strohhalm ist, an den ich mich klammere und nicht und nicht lösen will, weil ich sonst.. was? Ertrinken würde? Alleine wäre? Wichtiger wäre die Frage nach dem Glücklichsein, aber die stelle ich mir selbst nie, ich denke, ich habe zu viel Angst vor der Antwort. Der letzte Sommer war genauso verregnet wie unsere Beziehung. Wir hatten gute Zeiten, aber die letzten waren mies. Zu viel Streit und Zwist, zu viel Egoismus auf beiden Seiten, zu viel vom Schlechten, zu viel an Ungutem für Liebe und Partnerschaften. Natürlich versuchen wir beide es tagtäglich zu ändern, aber viel zu schnell kommt man wieder in den Streittrott. War diese Beziehung, dieser Mensch es noch wert, darum zu kämpfen? Die Gedanken kreisten und Sophie Hunger sang, die Augen blieben geschlossen.

Viel zu lange drücke ich mich schon vor einer Entscheidung, ich will nicht den falschen Weg wählen, will keine Fehler machen oder zumindest nicht noch mehr. Oft nehme ich mir vor, wird alles anders, alles besser. Tu so als ob, bis du es kannst – sagte eine Therapeutin zu mir. Sei einfach nicht streitsüchtig, das ist es nicht wert – sagte ich mir. Das Leben ist zu kurz, lass Liebe in den Herz. Bullshit! Wenn ich ärgerlich bin, weil schon wieder etwas Ausgemachtes nicht eingehalten wird, gehe ich eben in die Luft. Was soll das auch? Hat meine Zeit kein Gewicht? Bin ich etwa selbstverständlich? Wut! Sophie muss weichen, ich finde die Foo Fighters – gut, genau richtig. Ich möchte nicht mehr der Trottel vom Dienst sein, der den Haushalt schmeißt und versucht alles am Laufen zu halten. Diese Beziehung schwächt mehr als sie stärkt. Daran hat wohl keiner Schuld oder beide zu gleichen Teilen. Trotzdem bin ich wütend, musste es soweit kommen? Schaffen wir diese Beziehung oder schaffen wir uns? Will ich ihn überhaupt mit Haut und Haar oder ist es nur bequem? Wie viele Entgleisungen müssen passieren, um mit rechtem Gewissen sagen zu können, wir habens nicht geschafft? Und wie wenig habe ich mich bis jetzt angestrengt, um die Brüche wieder zu kitten? Ich will nicht nicht alles versucht haben, ich will mir nicht vorwerfen müssen, nicht alles für diesen Menschen und diese Beziehung getan zu haben. Doch die letzten Monate sind nur ein Dahinwurschteln.. Wir sollten in die Politik gehen, da würden wir statt schmerzhaften Herzensbrüchen Karriere machen.

Die Gedanken kreisten so umher und die Gefühle schwirrten hinten nach, von heiß bis kalt. Dieses Sonnenherz ließ mich jedoch nicht los. Sollte mir das etwas sagen? Wie konnte ich dieses Zeichen umlegen? Es musste etwas bedeuten. Fand ein Umbruch statt, musste er jetzt sein? So konnte es nicht mehr weitergehen, da hatte das Herz im Himmel recht. Die Entscheidung will gefällt werden. Ich hatte meinen Freund in Amerika nicht einmal vermisst. Im Gegenteil, ich atmete sogar auf, als ich mich beim Hinflug in den Sitz fallen ließ. Kurz vor dem Boarding haben wir nochmal gestritten beim Verabschieden. Musste das sein? Im Grunde nicht. Es war eine Nichtigkeit, aber unsere Stimmung miteinander war schon so aufgeladen, das einer von uns beiden bei der kleinsten Kleinigkeit in die Luft ging, diesmal war es ich, weg von ihm, weit weg, lange weg. 3 Wochen allein. Ich konnte es kaum fassen, ich freute mich sehr und war erleichtert, als der Flieger startete.

Den ganzen Urlaub lang wartete ich sehnlichst auf die Sehnsucht nach ihm, ich wollte ihn vermissen. Das war immer so, wenn wir getrennt waren. Aber diesmal kam es nicht, ich wollte es erzwingen, hörte unsere Lieder, sah mir Fotos guter Tage an,  wenn ich abends im Bett lag und las alte Nachrichten, in denen die Liebe zwischen jeder Zeile geradezu sichtbar wurde. Nichts, zu groß war das Abenteuer „Amerika allein“, zu spannend die neuen Möglichkeiten, die sich auftaten und die andere, neue Zukunft, die ich mir heimlich ausmalte, zu aufregend waren die Blicke, die mir die Männer zuwarfen, die ich seltsamerweise bemerkte. Diese Zeit gehörte allein mir. Ich genoss jeden Augenblick und begann mich wieder wohl zu fühlen in meiner Haut, ich schätzte mich, nein.. ich liebte mich wieder ein Stückchen mehr. Vielleicht war das das Zeichen. Vielleicht wollte mir das Herz sagen, dass ich wieder an mich denken sollte. Der Urlaub war traumhaft, gute Emotionen, ich spürte mich, keine Aggressivität, keine Zwietracht, kein Unwohl- oder Niedergeschlagensein – einfach nur ich, die langsam wieder zu sich selbst findet und dabei glücklich ist.

Keine Angst mehr vorschützen – dieser Schritt musste gesetzt werden. Zu gut ging es mir ohne ihn. Auch wenn es schmerzen wird..

Just in dem Moment tippte mich jemand an und ich blickte in das Gesicht der Flugbegleiterin, die ihre Augen scheinbar mit einem dicken, silberfarbenen Edding rundherum bemalte. Mit fragendem und verwirrtem Blick musterte ich sie und verstand nicht. Erst nach und nach dämmerte mir, dass sie mir das Frühstück reichen wollte. Sie wirkte genervt und noch genervter verdrehte sie ihre silberglänzenden Augen, als ich das Essen ablehnte und stattdessen Rotwein orderte.

Ich fragte mich, ob ich denn geschlafen hatte oder die ganze Zeit ob einer Beziehungslösung grübelte. Auf eine Antwort kam ich nicht, nippte an dem viel zu kleinen Plastikbecher mit dem zu kalten Wein darin und drückte so lange am Display herum bis ich den Soundtrack von dem Film „Ziemlich beste Freunde“ fand – Ludovico Einaudi.

Den Film sahen wir gemeinsam, damals, als noch alles gut war. Die Musik war zu leise eingestellt und so hörte ich den älteren Mann hinter mir, die hübsche Frau Mitte vierzig schräg hinter mir, fragen, wohin denn ihr letzter Flug ging. Ich konnte Smalltalk-Standard-Floskel-Gespräche noch nie ausstehen und verstärkte die Lautstärke meiner Kopfhörer bis zum Anschlag. Mein etwas dicklicher Nebenmann rümpfte die Nase und warf mir einen etwas zu grimmigen Blick zu, dafür dass er den ganzen Flug mehrere Wälder im Schlaf rodete und auch das Mittagessen und jetzt das Frühstück mit einem Schmatz-Orchester begleitete. Ich achtete nicht darauf, nahm einen weiteren Schluck und spürte die Müdigkeit und das warmig-wohle Gefühl des Weines, vor allem in den Beinen, sogar die schliefen ein im Gegensatz zu mir. Ich suchte mir eine neue Sitzposition und dachte an die Frage meines Hintermannes.

Mein letzter Flug brachte mich und meinen Freund von Irland nach Hause. An die Reise konnte ich mich noch gut erinnern. Das waren noch Zeiten. Wir verbrachten nur drei Tage in Dublin, aber es waren die drei besten Tage seit langem. Wir verstanden uns so gut, dass wir danach beschlossen, bald wieder zu verreisen. Dazu kam es nicht mehr, zu schnell hatte uns der Alltag und das beklemmende Gefühl wieder eingeholt. Der Rückflug war diesem hier ähnlich, auch damals hörte ich Musik und musste bald nach dem Ankommen am Flughafen ein Seminar leiten. Mit dem Unterschied, dass mein Freund neben mir saß und ich schlafen konnte. Moment! Lieder hören und schlafen?

Ah doch, es fiel mir wieder ein. Ich hatte auch einen Fensterplatz, kuschelte mich an ihn und hielt seine Hand, während er sich den Neuen „96 Hours – Taken2“ mit Liam Neeson ansah. Ich meckerte, da ich den Film gerne mit ihm zusammen gesehen hätte, aber jetzt jede Stunde brauchte, um kein Schlafdefizit bei der Ankunft zu haben. Ich würde den Film danach länger nicht sehen, da ich ja nicht alleine ins Kino gehen würde. Ich war genervt, versuchte trotzdem zu schlafen und drückte seine Hand fest, um ihm meinen Unmut klar zu machen. Ich hörte irgendein neues Album von irgendeiner Band und weiß noch, dass er mir alle paar Minuten mit dem Daumen sanft über den Handrücken strich. Ich reagierte mit einem leichten Druck meines Daumens, was die Antwort auf die unausgesprochene Frage war, ob ich noch munter sei. Hätte ich kein Zeichen mehr erwidert, wusste er, dass es Zeit war, mir entweder die Ohrstöpsel zu entfernen oder die Musik abzudrehen, um mich vor zu strengen Klängen und Lautstärken im Schlaf zu schützen.

Die Durchsage, dass wir zum Landeanflug ansetzen und Zürich somit schon erreicht hatten, riss mich aus den Gedanken. Während des Wartens auf den Anschlussflug musste ich unbedingt das Seminar vorbereiten, ich hatte jetzt gute zwei Stunden Zeit dafür. Das musste ausreichen und ich verscheuchte die Erinnerungen dieser vergangenen und schönen Tage. Zuerst dachte ich, dass es in Zürich regnet, doch dann erkannte ich, dass es bloß ein Fensterputzer war. Der hatte bei der riesigen Scheibenfront bestimmt lange zu tun, ich beneidete ihn dafür nicht. Ich war froh, bloß meinen Laptop öffnen zu müssen, um mit der Arbeit beginnen zu können. Gott sei Dank fand ich noch einen Sitzplatz mit Steckdose, und freies WLAN gab es obendrauf. Den Starbucks-Kaffee für 4,50 ließ ich mir schmecken und redete mir mit jedem Schluck ein, dass ich die Energie, die er mir schenkte, spürte. Es war natürlich Selbstbetrug, aber die Arbeit musste erledigt werden. Als die Durchsage mein Boarding ankündigte, tippte ich gerade die letzten Worte. Perfektes Timing! Jetzt noch 1 1/2 Stunden und ich lande ich Schwechat. Ich packte den Computer ein, schnappte mein Handgepäck und machte mich mit neuer Kraft auf den Weg zum Gate.

Ich nahm an dem denkbar ungünstigsten Fensterplatz, genau unter dem Flügel, Platz, selber schuld, wenn man nicht rechtzeitig online eincheckt. Schade, denn auch diesmal waren die Scheiben sauber. Aber was nützt es mir, mir die Stirn an der Plastikscheibe plattzudrücken, wenn ich die Landschaft nicht sehe? Vielleicht funktioniert es diesmal mit dem Schlaf, ich versuchte es und zwang mich, an nichts zu denken. Es funktionierte und ich wachte erst wieder auf, als der Flieger schon am Wiener Flughafen zum Stehen kam. Ich war so schlaftrunken, dass ich im ersten Moment nicht wusste, wo ich war. Ich erinnerte mich an das Sonnenherz, an meinen Entschluss, an mich zu denken und meinen Weg zu gehen und an die Zärtlichkeit des Moments, der schon so lange zurücklag, damals gemeinsam im Flugzeug, als es noch ein „wir“ gab.

Er müsste schon auf mich warten, beim Aussteigen stellte ich den Flugmodus ab und versuchte ihn zu erreichen, aber mein Handy verwehrte mir den Empfang. So hoffte ich und holte meinen Koffer. Als ich in die Empfangshalle trat, wurde ich schon erwartet.. von vielen fremden Menschen. Er jedoch war nicht da. In meinem Kopf formte sich ein: Typisch!

Derselbe Unmut wie immer, derselbe den ich jetzt drei Wochen lang nicht verspürte.

Mein Freund war immer für mich da, tat viel für mich und unterstütze mich meistens, wenn es notwendig war. Er holte mich auch vom Flughafen ab, nur nicht zu der Uhrzeit, die mir angenehm wäre. Vor allem weil ich so schnell wie möglich nach Hause musste, duschen, umziehen und los zum Seminar. Und er war nicht da, was so klar war. Jetzt kam ich zu spät. Er denkt wieder nicht an mich. Kann er nicht früh genug wegfahren? Ich rollte meinen Koffer zeternd hinter mir her, kaufte mir einen diesmal erschwinglichen schwarzen Kaffee in der Anker-Filiale, checkte während des Zahlens, ob mein Handy zumindest so gnädig war, mir etwas Empfang zu schenken.. aber nichts.

Ich marschierte nach draußen in die Raucherzone, zündete mir eine Zigarette an und versuchte krampfhaft nicht noch wütender und ungeduldiger zu werden. Außer warten konnte ich nun sowieso nichts tun.  Scheiss-Handy, Scheiss-ich verlass mich auf ihn, ich hätte jemand anderen fragen sollen, er kommt überall hin zu spät. Wieso probier ich es trotzdem immer wieder? Ich kann mit dieser Leichtigkeit und „Alles ist wurscht“-Mentalität nichts anfangen. Ich muss mich selbst organisieren, nächstes Mal nehme ich die Bahn!

Weitere fünf Zigarettenlängen und mehrere ausgedachte Schimpftiraden später, sehe ich ihn auf mich zugehen, mit einem Es tut mir leid-Lächeln und beiden Händen ein Herz vor seiner Brust formend. Ein Herz! Plötzlich ist aller Zorn verraucht wie der letzte Zug der Zigarette, die ich wegschnippe. Ich atme aus, denke an die letzten fünf Jahre, die guten und die schlechten Momente. Mein Gedanken sind glasklar und blitzschnell, die Entscheidung ist gefallen.

Ich angle nach dem Griff meines Koffers, gehe auf ihn zu und sage leise aber bestimmt: Hallo! Wir müssen reden..

Tovarnik

Freitagnachmittag entdeckte ich den Aufruf eines Facebook-Freundes, AutofahrerInnen, Spenden und helfende Hände werden gesucht, da ein Konvoi nach Kroatien (Tovarnik) geplant ist. Ich war schon in Traiskirchen beim Spendensortieren der Caritas, doch hautnah flüchtenden Menschen zu helfen und ihnen in der schweren Zeit beizustehen, ist wieder etwas anderes. Bei meinem Abendkurs zur Berufsreifeprüfung habe ich mit Ach und Krach die Englisch-Matura bestanden. Seitdem habe ich jedes Mal Bammel, wenn ich in fremden Ländern unterwegs und mit Englisch und anderen Sprachen konfrontiert bin. Komme ich in die Situation, Englisch sprechen zu müssen, werde ich innerlich panisch. Reden die Leute zu schnell, verstehe ich sie nicht und wenn ich nicht genau weiß, ob die Satzstellung oder Grammatik richtig ist, traue ich mich nicht zu sprechen. Die Sprachbarriere baue ich mir selbst auf und macht mir Angst. Die Flüchtlinge sprechen hauptsächlich Arabisch oder Farsi, somit sind Sprachschwierigkeiten vorprogrammiert. Noch dazu kenne ich die Menschen in Not nicht und habe Bilder von Elend, Leid, Massenhilflosigkeit, Panik, Gedränge und Tumult im Kopf. Ich habe Sorgen, ob ich den Menschen helfen kann, wenn ich sie nicht verstehe!? Kann ich mich mit HelferInnen anderer Nationen verständigen? Ich habe keinen blassen Schimmer, was mich erwarten wird, aber ich sage spontan zu. Ich lasse es einfach auf mich zukommen. Jede Hilfe ist gefragt und wichtig, denke ich bei mir. Im Notfall verständigt man sich mit Händen und Füßen, Hauptsache es wird geholfen.

Durch meinen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus komme ich auf drei Stunden Schlaf, ehe der Wecker um 5 Uhr in der Früh läutet und ich mich auf den 4 Kilometer langen Weg zum vereinbarten Treffpunkt mache. Für mich war in den drei vorbereiteten Autos kein Platz mehr, da zwei weitere, so wie es ausgemacht war, leider nicht kamen. Der Initiator aber meinte, dass ich eh nur so groß wie ein vollbepacktes Sackerl wäre. Also eines raus und Simone rein 😀 Jede helfende Hand ist Goldes wert.

Um 8 Uhr holten wir noch unseren Farsi-Übersetzer vom St. Pöltner Bahnhof ab und dann ging die Fahrt nach Kroatien los. Die Stunden vergingen und Alex und ich verpackten 2000 gespendete Teebeutel mit Zuckerwürfeln in passende Säckchen, zur leichteren Handhabe für die Flüchtlinge. Ich versuchte zeitweilig zu schlafen, machte die Augen zu und schaffte es sogar, eine Stunde die Gedanken auf das Bevorstehende auszuschalten. Leicht war es nicht, da meine Gedanken darum kreisen, was mich erwarten würde. Ich machte mir Sorgen, ob ich die Fremden verstand und ich ihnen helfen konnte. Ich versuchte mich zu beruhigen, ich war nicht allein und was sollte schon passieren?! Im selben Moment empfand ich diese Ängste als lächerlich, die Menschen brauchen Hilfe, ich kann nur das tun, was in meinen Möglichkeiten lag und das ist besser, als daheim vor dem Fernseher zu sitzen oder an der Uni-Arbeit zu schreiben, die noch ausstand. Verhindern kann ich es sowieso nicht mehr und wollte es auch nicht, die Entscheidung war getroffen. Das wird jetzt durchgezogen. Dass wir alle ein Team waren, am selben Strang zogen und dasselbe Ziel hatten, ließ mich ruhiger werden. Die Ungewissheit, was auf mich zukam, war nicht einfach zu händeln, aber ich ermahnte mich innerlich immer wieder zur Ruhe. Alles kommt, wie es kommt.

Nach etwa 7 Stunden Autofahrt kamen wir in Tovarnik, an der serbisch-kroatischen Grenze, an. Ein Dorf im Ausnahmezustand! Jedes dritte Haus erinnert an den Krieg, der noch nicht so lange zurückliegt. Ob zerbombt, mit etlichen Einschusslöchern versehen oder abgebrannt, ein Schauplatz der Erinnerung, säumt die Straßen des Dorfes. Ich hoffte nur, dass die Flüchtling nicht zu sehr mit der Nase darauf gestoßen werden und es sie nicht allzu sehr bedrückt. Die örtliche Polizei sperrte Straßen ab, schickte uns nach rechts und links, jedoch nicht dorthin, wo unsere Hilfe gebraucht wurde. Unzählige Kamerateams mit riesigen Satellitenschüsseln filmten die am Rand und im Schatten sitzenden Flüchtlinge, die sich von der Reise über die Grenze ausruhten. Kein Durchkommen.  Durch Suchen und Hilfe einer Bewohnerin fanden wir dann den Weg hinten herum. Tausende Menschen saßen am Boden oder suchten am Gelände Nahrung, Kinderwägen, Kleider und Schuhe. Wir platzierten die Autos, entschieden uns für einen Platz, wo wir die Spenden ausgeben wollten und begannen mit dem Ausräumen der Autos. Sofort waren Flüchtlinge zur Stelle, um uns beim Ausladen zu helfen. Keiner langte ins Auto oder bediente sich selbst. Wir bauten mit Stecken und Paketklebebänder unseren „Stand“ auf und schon waren viele vor Ort, um zu sehen, was es alles so gab. Die sieben Kinderwägen, die wir mit hatten, waren schnell verteilt, sie werden so dringend gebraucht, sie erleichtern die Reise erheblich. Viele fragten um Schuhe, da fast alle in Flip-Flops und Sandalen oder barfuß unterwegs waren.

Nach nicht einmal zwei Stunden waren unsere Spenden verteilt, ein Bekannter konnte noch weitere 500 Euro Spendengeld auftreiben und machte sich sofort auf den Weg, weitere Nahrungsmittel im nahegelegenen Supermarkt aufzutreiben. Käse, Brot, Tunfisch, Käsecracker und Milch brachte er mit und es wurde gleich ausgegeben. Wir hatten hauptsächlich Baby-Gewand mit und viele Mütter suchten passendes Gewand für die Kleinsten. Die Kinder freuten sich über die Lollys und Schoko-Müsliriegel, die wir verteilten. Die Menschen waren sehr zurückhaltend, alle meine vorherigen Sorgen waren wie weggeblasen.

Einem Vater wollte ich statt einer Wasserflasche zwei geben, er bedankte sich sehr freundlich und meinte, dass eine genüge. Einem 7-jährigen Jungen wollte ich einen Pullover in seiner Größe geben, er deutete mir, dass er ihn nicht brauche, er suche nur nach einer Jacke für seine kleine 2-jährige Schwester. Die Verständigungsschwierigkeiten waren zwar gegeben, aber sie waren kein Problem. Es schmerzte mich, wenn jemand um etwas fragte, was wir nicht hatten. Am liebsten hätte ich jedem das gegeben, was gerade gebraucht wurde. Eine Schwangere suchte nach passenden Schuhen und wir hatten keine in ihrer Größe. Es tat mir so leid, das Pärchen gehen zu lassen, ohne helfen zu können und trotzdem bedankten sie sich überschwänglich. Die Leute haben eine Stärke und Bescheidenheit, die ich absolut bewundere. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft und Ausdauer hätte, trotz all der Strapazen noch so bescheiden, freundlich und zurückhaltend zu sein. Ich teilte dann Lollys aus, da so viele Kinder vor Ort waren. Kleine süße Racker, alle mit vorsichtiger Haltung und fragenden Augen. Ein kleiner Junge mit dunklem Haar hielt die Hand auf, ich legte den Schlecker in seine kleinen Hände, er schaute mich mit großen, leuchtenden Augen an und sagte laut: Merci – und ging ein paar Meter zur Seite, damit auch die anderen Kinder Schlecker bekamen. Ich schaute ihn nochmal an und hielt ihm einen zweiten Lolly mit einer anderen Geschmacksrichtung hin, er kam langsamen Schrittes auf mich zu, nahm den zweiten, biss sich auf die Unterlippe und freute sich sichtlich. Als die anderen das sahen, kamen sie ebenso und wollten weitere Süßigkeiten. Plötzlich standen bestimmt über zehn 2-6-jährige Kinder vor mir und stopften sich die Taschen mit Lollys voll, alle lachten und freuten sich, so wie ich! Dass man Kindern mit Lollys so eine Freude bereiten kann, ist seltsam – das Gefühl unbeschreiblich. Alle bedanken sich und machten sich daran, die Schlecker auszupacken. Ein paar fragten mich, ob ich ihnen dabei helfen könne. Die leuchtenden und glücklichen Augen und Grinser werde ich nie vergessen. Dann kamen ein paar Jugendliche, nicht älter als 18 Jahre, ich bot ihnen ebenso die Schlecker, die ich gerade in der Hand hatte, an. Sie musterten mich mit dem Blick: Hallo? – Wir sind schon viel zu alt für Süßigkeiten, nahmen sie aber dennoch. Sie lachten, es war ihnen sichtlich unangenehm, sie waren schon viel zu alt für Süßes. Trotzdem blieben sie danach in Blickkontakt stehen, sprachen in fremder Sprache, lachten und beobachteten mich. Aber nicht böswillig, sondern so wie Jugendliche das tun, mit Zwinker und hochgezogenen Brauen und einer gewissen Art von Flirten. Ich grinste. Sie auch und warfen mir Kussmünder zu. Sind doch in der Pubertät alle gleich, egal woher sie kommen 🙂 Flirten in dem Alter ist doch normal 😀

Ein Vater bat mich um Essen, ich reichte ihm eine Dose mit gefüllten Weinblättern und sagte: Halal. Vorher wurde mir gesagt, dass es wichtig sei, es zu betonen, damit die Menschen wussten, dass sie es ohne Bedenken verzehren konnten. Er bedankte sich überschwänglich, ich gab ihm eine Dose Tunfisch und Brot dazu. Die Blicke und Dankbarkeit überraschen mich immer wieder, im Grunde habe ich nichts Weltbewegendes geleistet. Nichts, was das große Leid und den weiteren langen Weg lindern könnte. Diese Menschen nehmen unglaubliche Rücksicht auf ihre Mitmenschen und teilen. Ich habe niemanden erlebt, der mit Ellbogen kämpft oder eigennützig handeln würde, was mich nicht mal wundern würde in dieser schrecklichen und unmenschlichen Situation. Die Menschen lächeln bescheiden, sagen Merci und machen eine Dankes-Geste.

So viele weitere HelferInnen aus allen Ländern waren vor Ort, sie kamen auf uns zu und meinten, wir sollten bitte unseren Stand zur Seite räumen, da hier jetzt Zelte aufgebaut werden, es komme ein Unwetter. Alle bauten auf, halfen mit bis zig Zelte standen. Die Organisation und Hilfsbereitschaft war ein Zusammenhalt, kenne ich so nicht. Familien mit Babys hatten Vorrang und durften sich dann zurückziehen und Privatsphäre genießen. Ich freute mich, es wurde ruhiger, dunkler und später. So viele Zelte standen, Menschen machten es sich bequem so gut es ging. Eine fast friedliche Stimmung. Vereinzelt fragen Leute noch nach Essen und Wasser, aber der Großteil der Arbeit war vorerst getan. Abseits standen ein paar Tixi-Klos, Duschen fand ich keine, eine Gruppe von Flüchtlingen spielten Fußball, man hörte die ernsten Schreie, man vernahm, dass sie Spaß hatten. Eine skurrile Situation. Der Abend und die Wetterfront kam bedrohlich nahe auf uns zu. Bald würde es regnen. Nicht auszudenken, da noch viele kein „Dach über den Kopf“ hatten. Eine Familie mit einem fiebernden Baby kam auf uns zu und bat um Hilfe, Andrea begleitete sie sofort zum Ärzte ohne Grenzen-Zelt, Gott sei Dank waren sie vor Ort und nahmen sich der Familie an. Es wurde geholfen so gut es ging und die Möglichkeiten es zuließen. Trotzdem schliefen viele nur mit Decken und Schlafsack unter freiem Himmel mit dunklen und hängenden Wolken. Andrea und ich fuhren um 21 Uhr wieder Richtung Österreich, mit dem garstigen Gefühl zu wenig getan zu haben. Wir hatten beide Termine am Sonntag. Die anderen Helferinnen blieben bis zum nächsten Tag, schliefen unter dem aufgestellten Pavillon auf zwei Teppichen und gaben noch ihre letzte Decken einem kleinen Kind, das darum bat. Nach einer halben Stunde Autofahrt begann Blitz, Donner und Platzregen. So gerne hätte ich weiter geholfen und Menschen eingepackt, um sie mitzunehmen. Kein Mensch sollte so etwas durchmachen, niemand hat so eine Behandlung verdient. Die Syrerinnen und Syrer sind außergewöhnlich starke Menschen mit viel Ausdauer, Willenskraft und Bescheidenheit. Sie sind dankbar und leben die Nächstenliebe. Ich habe großen Respekt vor diesen Leuten. Diese Zumutung haben sie nicht verdient. Das Kommunizieren war nicht immer einfach, ich verstand oft nicht, wonach jemand fragte, aber das war nicht wichtig. Ich schenkte jedem, der mich ansah ein Lächeln und bekam jedes Mal eines zurück. Diese Wärme und Menschlichkeit ließen alle Sorgen um Verständigungsschwierigkeiten sofort vergessen. Alles was ich tat, war nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Ich hatte ein ungutes Gefühl zu fahren, nicht mehr helfen zu können, obwohl noch so viel zu tun wäre. In ein warmes Zuhause zu kommen mit einem richtigen Dach über dem Kopf ohne Sorgen, ist ein Paradies. Ich dachte an die heiße Dusche in meiner Wohnung, freute mich darauf und konnte mir nicht vorstellen, ein Flüchtling ohne passendes Schuhwerk zu sein, wochenlang unterwegs, ohne Hygiene, mit schmerzenden und blutigen Füßen und den Kindern auf den Schultern, auf dem Weg in ein friedliches, besseres Leben mit den traurigen Gedanken an ein zurückliegendes schönes Zuhause, das man nie wieder so vorfinden wird, an geliebte Menschen, die verstorben sind und an eine Zukunft, die man sich lieber nicht ausmalen möchte. „Nach“ Tovarnik bedeutet für diese Menschen, weitergehen – in ein hoffentlich besseres Leben. Ich wünsche es jedem Einzelnen so sehr! Das ist so viel mehr als die vier „eh schon langen“ Kilometer, die ich in der Früh, ohne ausgeschlafen zu sein, ging, um zum vereinbarten Treffen zu kommen. 

    
   

Traiskirchen

Seit einer guten Woche versuche ich die Eindrücke, die mir Traiskirchen beschert hat und die Gefühle, die dadurch in mir ausgelöst wurden, zu verarbeiten und zu Papier zu bringen. Bis jetzt bin ich der Meinung, dass ich keine passenden Worte finden werde, die beschreiben könnten, was sich dort Tag für Tag abspielt. Wenn man selbst nicht vor Ort war und nur die unzähligen Berichte kennt, die im WWW zu finden sind, kann man es sich beim besten Willen nicht vorstellen. So wenig, wie ich hoffentlich nie wissen werde, wie es ist, in nem Kriegsgebiet wohnen zu müssen. 38 Grad zeigte mir das iPhone bei der Hinfahrt auf der Autobahn. Ohne Klima fast schon zu beklagen. Doch nur fast, wenn man sich die Bilder in Erinnerung ruft, die man von Traiskirchen kennt. Die Flüchtlinge halten diese Temperaturen schon länger aus, müssen sie.. auch weiterhin. Das Nichtstun – was bleibt ihnen anderes übrig – und die gleißende Sonne können Gemüter erhitzen. Doch die Menschen sind ruhig, die Atmosphäre friedlich. Magisch.. im negativen Sinn.

Traiskirchen ist ein Ort der Gegensätze – auf der einen Seite, die Jugendlichen, die perspektiven- und hoffnungslos im Gras sitzen und ins Leere starren, der enormen Hitze ausgeliefert, Babys, die auf dreckigen Decken im Schatten mancher Bäume liegen, Mütter, die mit Kinderwägen ziellos durch die Straßen laufen, ohne Chance auf baldige Besserung und auf der anderen Seite kommen zwei Radfahrer aus der nahegelegenen Eisdiele, frohen Mutes, schleckend und lachend. Eines haben alle Flüchtlinge gemein, man erkennt sie sofort an ihren ausdruckslosen Augen, ihren seltsamen Taschen, die sie mit sich tragen und ihrem zusammengewürfelten Gewand, manchem zu groß, manchem zu klein, grotesk wirkte es. Sehen sie ein Auto näher kommen, ändert sich der Blick von „resigniert“ zu „hoffnungsvoll“, vielleicht gibt es Spenden. Viele hoffen auf Nahrung, Wasser, Sonnencreme, Hygieneartikel und Schuhe. Es gibt davon zu wenig für alle. Jedoch wird der Schein gewahrt. Einen Tag vor meiner Ankunft hat sich Amnesty International angekündigt, dementsprechend sauber war das Lager, außer der bunten Zelte befand sich nichts am Gelände, kein Zigarettenstummel, keine leere Papiertüte verunstaltete den Boden, nichts verunreinigte das Gesamtbild. Die Stimmung verrät  aber jedem, der genau hinsieht, dass vieles im Argen liegt, mehr noch als es den Anschein macht.

Wunderschön war die Hilfs- und Opferbereitschaft der Österreicherinnen und Österreicher in der Omni.Bus Caritas-Zentrale beim türkischen Kulturverein und der privaten Spenderinnen und Spender vor dem Eingang des Lagers. So eine große Anzahl von Geschenken, sodass man mit dem Sortieren nicht mehr nachkommt. Viele meinen es gut. Genau deshalb ist die Vorsortier-Arbeit irrsinnig wichtig. Zu großes Gewand (XXL), Unpassendes, wie zu aufreizende Damenshirts oder zu kurze Röcke oder Winterklamotten werden aussortiert. Reichlich Tragbares muss noch einmal gewaschen werden und Zerrissenes und Kaputtes oder mit Schweißflecken Verziertes wird entsorgt, danach werden die Sachen nach Größen und Kategorien sortiert und in Kisten verpackt. Zu groß wäre der Tumult, wenn sich die Flüchtlinge, wie auf nem ungeordneten Wühltisch durchgraben müssten, vorstellbar bei 4500 Menschen! Chaos pur und geholfen wäre dabei keinem. Die Arbeit ist beschwerlich. In dem Riesenzelt der Caritas war es heiß, schwül, stickig und staubig, aber jede und jeder der Freiwilligen arbeitete unter Hochdruck. Alle halfen einander, waren trotz Fremdheit eine Einheit. Man schmeckte den Staub, Großherzigkeit und Nächstenliebe lagen ebenso in der Luft. Geschäftig tummelten sich die Helferinnen und Helfer durch die endlosen Tischreihen und versuchten so schnell als möglich die nächste Kleidungslieferung zu sortieren. Kein Ende in Sicht!

Seit ich in diese große Anzahl leerer Gesichter blickte, fällt es mir schwer, die Menschen „Flüchtlinge“ zu nennen, dafür waren sie allzu menschlich, allzu real, allzu normal, allzu wie ich und jeder andere, den ich kenne. Das ganze Leid breitet sich wie eine Decke über den Ort und wird mit jedem Tag in dem Lager größer und spürbarer. Beim Nachhausefahren war mir, als müsse ich mehr tun, am liebsten würde ich euch alle einpacken und mitnehmen. Nur wohin? In ein besseres Leben! Dieses hat niemand verdient! Die Masse an Familien erschreckte mich, aber noch mehr stach es im Herzen, als ich die unzähligen männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sah, die ohne Eltern, Geschwister, Ehefrauen und Kinder alleine hier sind, deren Schicksalsschläge und weitere Zukunft ich mir gar nicht ausmalen will.

Heute ist diese eine besondere Nacht der Sternschnuppen. Die Wünsche der Menschen in Traiskirchen sind existenzieller und elementarer als meine es wären. Sollte ich noch eine Sternschnuppe zu Gesicht bekommen, wünsche ich mir, dass alle Gebete und Bitten der Flüchtlinge in Erfüllung gehen und hoffe, dass viele von ihnen in der heutigen heißen Nacht, nach oben sehen, ein bisschen Ruhe finden und neue Hoffnung schöpfen können. Sie haben es sich verdient, nachdem sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden und es auch die Flucht bis jetzt noch nicht besser machte. All das Leid und der Schmerz sollte nicht sein müssen! Ich kann nur jedem ans Herz legen, hinzufahren, Obst, Fladenbrot, Gemüse, Wasser und Windeln einzupacken und es dort zu verteilen, die Menschen sind so dankbar. Wir wären es auch!

Lebenswege

Es ist ein kalter Samstagmorgen im Juni. 6 Uhr. 11 Grad. Es regnet. Ich sitze in der Küche und während ich gedankenverloren aus dem Fenster blicke und vereinzelt rote und grüne Regenschirme Richtung Bauernmarkt tanzen sehe, höre ich den Kaffeetropfen zu, die mir zu langsam in die Kanne springen. Einer nach dem anderen, stark, schwarz und voller Energie, jedoch im Gänsemarsch, so ganz anders als die dicken Tropfen vor dem Fenster, das ich trotz kalter Nase und Füße öffne, solange ich sehnsüchtig auf das allzu bekannte Geräusch warte, dass mir deutet, bald munter und klar zu sein. Ich atme tief ein, ich liebe diese ehrliche, frische Regen-durchdringt-Asphalt-und-schwängert-die-Luft-Luft. Der Regen wird stärker und mir kälter. Ich spüre mich und tapse von einem Bein zum anderen, bleibe abrupt stehen, schließe die Augen, hole noch einmal tief Luft und verharre.

Lebenswege. Mein Leben hat schon seltsame Wege eingeschlagen.. und alle gehören zu mir. Machen mich zu der Frau, die ich heute bin und brachten mich steten Fußes dorthin, wo ich jetzt stehe – in meiner tollen Küche mit den großartigen, und im Winter beschlagenen, Flügelfenstern. Ich habe den Luxus, mir an einem Samstagmorgen Gedanken über Lebenswege zu machen. Ein tolles Leben, wie meine Küche, manchmal gibt es auch beschlagene Tage, aber im Großen und Ganzen könnte man durchaus sagen, dass das Motto derzeit „200 Tage Sommer“ lautet – trotz Regen. Der mich im Grunde selten stört, gerade dann, wenn er sich mit kaltem Wind zusammen tut und glaubt, dass er wie ein Teenager um die Häuser ziehen kann, rau und ungehobelt peitscht er einem die Tropfen ins Gesicht, wie der Jugendliche, der einem rotzfrech eine Meldung nach der anderen in eben dieses schleudert. Kommt er aber allein, wird er nicht übermütig und ich liefe am liebsten hinaus, um in ihm zu tanzen. Bestimmt geht es nicht allen so. Viele verteufeln ihn, weil er sie überrascht und durchnässt, weil sie seinetwegen krank wurden oder die neue Frisur ruiniert ist. Manche schimpfen ihn, denn er hat das schöne Sommerfest zerstört oder die lang herbei gesehnte Hochzeit.

Selten denken die Menschen daran, dass er, gerade in diesem Moment, auch vielen Flüchtlingen in Zelten das Leben schwer macht, schwerer als sie es ohnehin schon haben. Haben tun sie sonst nichts, außer die Kleidung am Körper und ein Handy in ihrer Tasche. Im besten Fall noch die Familie an der Hand, doch beste Fälle treten in diesen Fällen selten auf. Der Normalfall ist ein Mann, der auf Arbeit und somit Geld hofft, sodass er es nach Hause schicken oder die Liebsten herholen kann. Wunschvorstellungen. Stattdessen sitzen sie in kleinen Zelten mit den Füßen auf nasser, matschiger Erde und das Einzige, das ihnen erlaubt ist zu tun, ist warten.. und das im schlimmsten Fall sogar monatelang. Das ist kein wünschenswerter Lebensweg, das ist ein beschwerlicher, trauriger Weg, der mit viel Leid, Schmerz und traumatischen Erlebnissen gepflastert ist.

Und viel zu selten bedenken diese Menschen, die so schnell und laut „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Das Boot ist voll!“ rufen, die sich über den Regen ärgern und deren einzige Sorge ist, dass es nicht nass die Schuhe hineinläuft, dass diese Flüchtlinge vor dem Terror und der ausweglosen Situation selbst vor der Kaffeemaschine warteten und über das Leben sinnierten. Schwer vorstellbar, dass einer dieser Menschen sich die momentane Lage ausgemalt hat, als er am Fenster stand und den Kindern im Garten beim Spielen zusah. Schwer vorstellbar, dass er vorausahnte oder sich sogar wünschte, dass er im Juni tatenlos in einem fremden Land sitzt, ohne zu wissen, wie es seiner Familie in der Heimat ergeht. Ausmalen wird er sich vermutlich das Schlimmste, vor allem so ganz ohne Ablenkung.

Ich bin gerade sehr dankbar, dankbar, dass ich in der Küche stehe und meine Sorgen sich um kaputte Handydisplays und Kleidermotten im Schlafzimmer drehen, dass ich meine Liebsten sicher in der Sorggasse weiß und mein Lebensweg dank meiner Mama vor 29 Jahren in Österreich begonnen hat. Dazu habe ich nichts beigetragen, deshalb steht es mir nicht zu, stolz darauf zu sein. Und aus diesem Grund käme mir niemals in den Sinn, mich mit Schildern bewaffnet vor ankommenden Flüchtlingen zu positionieren, auf denen zu lesen ist, dass sie hier nicht willkommen sind. Aus Jux und Tollerei oder für mehr Geld, nimmt man so einen Weg nicht in Kauf. Diese Strapaze kostet genug, manchen das Leben. Niemandem wünsche ich eine derartige Situation. Was ich mir wünsche, ist mehr Empathie und Barmherzigkeit und weniger Hass und Neid. So wurde ich erzogen und dafür bin ich dankbar. Ich sitze in der Küche, trinke meinen Kaffee und träume von einer besseren Welt, von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Mir ist kalt, ich schließe das Fenster, es gibt viel zu tun..

Unschuldsvermutung

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet sich der Grundsatz, dass jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, solange als unschuldig anzusehen ist, bis seine Schuld nachgewiesen ist. Diesen Artikel 11 kennt jeder. Am Stammtisch und im Internet wird er als nicht so wichtig erachtet.

Anspielen möchte ich auf den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 am 24.März. Es ist unfassbar und erschreckend pietätlos, was sich zur Zeit in der deutschen und österreichischen Medienlandschaft für Abgründe auftun. Ob Schundblatt oder vermeintliche Qualitätszeitung, alle springen auf den Zug „Der Südenbock muss ausgeschlachtet werden“ mit Freude auf. Zwei Tage nach dem Unglück sind die Ermittlungen selbstverständlich noch nicht abgeschlossen, jedoch entdeckt man auf Facebook sekündlich neue gravierende Hintergrundinformationen zum „Killerpiloten“, wie ihn einige Zeitungen nennen. Sogar sein vollständiger Name, Fotos seines Elternhauses, von ihm selbst und der Hausdurchsuchung werden publiziert und in der Öffentlichkeit breitgetreten. Ein paar, um nicht zu sagen unseriöse, Zeitungen veröffentlichten sogar Bilder eines Mannes, der der Copilot sein sollte. Ist er aber nicht. Hauptsache reißerische Schlagzeilen und Bilder eines Massenmörders, um die Sensationsgier und -geilheit des Volkes zu stillen. Wer den größeren Aufreger liefert, erhält die meisten Klicks. Darum geht es, sonst ist nichts, aber auch gar nichts, von Bedeutung. Es muss ein Schuldiger her, ein Toter ist da immer von Vorteil. Die verbliebenen Angehörigen des Piloten sind entschuldbare Bauernopfer. Ohne Rücksicht auf Verluste werden mit dem Konjunktiv Leben zerstört.

Vermutungen, so weit das Auge reicht

Mutmaßungen, wie schwer psychisch krank dieser Pilot war, häufen sich. Ob der Mann beim Hausarzt oder Psychologen war, weil er eine Spinnenphobie, eine Psychose oder eine Spielsucht hatte, ist nicht geklärt. Vermutungen über Vermutungen werden im Minutentakt gepostet. Immer wieder tun sich neue Quellen auf, aber eines bleibt allen Medien gleich: Der Schuldige ist der Copilot. Zweifel ausgeschlossen. 8 Minuten ruhiger Atem, eine immer wieder versperrte Tür und der Sinkflug lassen niemandem an der Unschuld zweifeln.

Die Trauer um die Toten ist groß und das Beileid der Welt sei ihnen gewiss. Jedoch ist auch dieser 27-jährige Pilot gestorben. Ein Datenrekorder wurde noch nicht gefunden, die Ergebnisse liegen noch nicht alle vor und im Netz wird trotzdem zeitgleich eine Hetzkampagne veranstaltet, die Ihresgleichen sucht. Eine Gefällt-mir-Seite mit dem Namen des Piloten wurde auf Facebook erstellt, auf der sich jeder über ihn auslassen kann, wie es ihm beliebt. Was dort vom Pöbel zu lesen ist, ist unter aller Würde. Dass sich die Medien nicht schämen, ist verständlich. Ein paar ruderten erstaunlicherweise sogar wieder zurück. Entschuldigt hat sich niemand bei niemandem, ob bei der Familie des Piloten oder bei dem Mann, dessen Foto man absurderweise unverpixelt veröffentlichte, obwohl es sich nicht um den Copiloten handelte. Jedoch werden qualitativ hochwertigere Artikel gebracht, in denen es darum geht, dass es schon ein bisschen eine Schande ist, das so schnell geurteilt wird, wo es doch bei anderen Flugzeugabstürzen oft länger als 8 Monate dauerte.

Erstaunlich finde ich doch diese Tote Fisch-Mentalität der Gesellschaft. Man schwimmt mit dem Strom, so wie es das Boulevardblatt und die Qualitätszeitung will. Es muss ja seine Richtigkeit haben, wenn alle Journalisten dasselbe schreiben. Kann ja gar nicht anders sein. Plötzlich ist jedermann und -frau FlugzeugtechnikerIn und ProfifliegerIn. Zu wenige bedienen sich des eigenen Verstandes und platzen mit Schuldrufen heraus. Ich kann absolut nicht verstehen, dass so wenig kritisch hinterfragt wird. Selbst wenn er ein persönliches Problem hatte und dieses Unglück mit Absicht verursachte, weil er Aufmerksamkeit wollte, wie viele vermuten, muss ich nicht mit virtuellen Heugabeln zu einem Mob zusammenlaufen und hetzen. Das ist dergestalt geschmacklos, dass man sich in Grund und Boden schämen könnte. Diese Massen-Anschuldigung wird an den Angehörigen kleben wie eine falsche Vergewaltigungsanzeige. Ein bitterer Nachgeschmack wird immer bleiben. Ich hoffe, dass diese widerliche Hexenjagd, die niemand verdient hat, ein Ende findet, genauso schnell, wie das Beileid und Mitgefühl für die Verstorbenen und Angehörigen bald wieder abgeebbt sein wird.