Sommerregennacht

Erst wolltest du nicht kommen, jetzt sitzt du mit Fremden hier, trinkst dein sechstes Bier und während du dich scheinbar köstlich amüsierst, fragst du dich, ob der Abend hätte besser verlaufen können. Der Typ rechts neben dir erklärt dir in betrunknem Deutsch, dass er keine findet – das liebe Leid. Der auf der anderen Seite flirtet ungelenk mit dir und die Barfrau beäugt dich argwöhnisch, weil sie deine typischen Donnerstagabende kennt und weiß, wie er ausgehen wird. Du spielst deine Rolle perfekt, dämpfst deine Zigarette aus, steckst dir eine neue an, tröstest den Rechten, vertröstest den Linken und bringst eine witzige Anekdote nach der anderen. Die Runde lacht laut, nur der ohne Freundin versinkt selbstmitleidig in seinem Glas und der Flirtende wendet sich abgewiesenerweise ab. Recht wohl fühlst du dich selten in letzter Zeit, soll die Kellnerin nur schauen – und das tun, was sie kann, ein doppeltes Whisky-Cola bringen. Die Leute sind gut im Scheisse reden, im Grunde ist der Abend entbehrlich wie die meisten.
Du hörst den Regen draußen, stellst dir vor, wie er sich auf deiner Haut anfühlt. Du kippst das Glas hinunter und registrierst dabei die Gruppe, die aus dem Regen ins Lokal kommt, lachend und Nässe abputzend, musterst den gutaussehenden Mitzwanziger, checkst dein Whatsapp – keine Nachticht von…, richtest dir die Haare, stehst auf und gehst lasziv zur Bar, lächelst kokett, siehst ihm in die Augen und in dem Moment, in dem er interessiert fragend und verschmitzt die rechte Braue hebt, weißt du, du verschenkst dich heute Nacht wieder einmal. Die Barfrau verzieht verächtlich das Gesicht mit einem „war ja klar“-Blick. Ihr geht zu dir. Du kennst seinen Namen nicht, bemerkst nur, dass er gut riecht. Nicht so wie…, aber gut, anders – anders riechen ist gut, besser. (K)eine Erinnerung. Die Tür fällt ins Schloss und er über dich her, drückt dich gegen die Wand, küsst dich hemmungslos, hält mit einer Hand dein Kinn fest und mit der anderen versucht er, den Slip unter deinem Rock zu greifen, um ihn dir runterzuziehen. Die nassen Haare kleben dir im Gesicht, er streicht sie zur Seite, schaut dich fordernd an und du denkst nicht mehr. Nicht mehr an…, lässt alles geschehen. 

Später liegst du körperlich teilbefriedigt neben dem schlafenden Typen im Bett. Es ist dunkel, du fühlst dich einsam und rauchst eine Zigarette, suchst dein Handy – keine Nachricht von…, du ärgerst dich über dich selbst, bist unzufrieden, der Unbekannte soll weg! 

Du hörst den Regen draußen, stellst dir vor, wie er sich auf deiner Haut anfühlt und plötzlich wachst du auf – wie aus einem Traum und weißt, so wird der Abend heute Nacht nicht enden. Du kippst das Glas hinunter, registrierst die Gruppe, die aus dem Regen ins Lokal kommt, lachend und Nässe abputzend, ignorierst den gutaussehenden Mitzwanziger, checkst dein Whatsapp – keine Nachricht von…, richtest dir das Haar, stehst auf und gehst zur Bar, bezahlst deine Zeche bei der überraschten Barfrau und machst dich auf den Weg – raus in den Sommerregen. Du stehst vor dem Lokal, schließt die Augen, hebst den Kopf und spürst den Regen auf deiner Haut. Die restliche Nacht spazierst du durch die menschenleere Stadt bis dein Handyakku irgendwann schlapp macht, weil du deine Lieblingsmusik hörst. Du grüßt den Zeitungsständerauffüller. Die nassen Haare kleben dir im Gesicht, du streichst sie dir zur Seite und spürst seit langem wieder ein Für-dich-sein. Du kommst nach Hause, legst dich ins Bett, es ist dunkel, du fühlst dich allein und rauchst eine Zigarette. Du hörst den Regen draußen, spürst ihn auf deiner Haut und schläfst ein.