Freischwimmen

Um den Kopf freizubekommen, gehe ich Längen schwimmen. Nicht denken, einfach tun. Das Wasser ist kalt, tut gut und mit jeder Bewegung zähle ich die Bahnen. Eins, eins, eins.. zwei, zwei.. drei.. Bei der Zehnten schaue ich auf die Uhr – zehn Minuten, schön. Blöderweise funktioniert das Nichtdenken nicht. Trotz des Zählens bemerke ich, wie sich die Gedanken langsam einschleichen. Nein, weg! Weiter schwimmen. Ich kann gleichzeitig an zwei Sachen denken, zwölf, zwölf, zwölf, zwölf.. ich bin alleine im Bad, um diese Zeit schwimmt keiner oder sie tun es im Freibad, schön. Vierzehn, vierzehn, vierzehn.. gut für mich, ich möchte allein sein – mit dem Bademeister, der genauso seine Runden zieht, im Trockenen mit quietschenden Badeschlappen. Neunzehn, neunzehn.. ich bin schnell, nach der Zwanzigsten mach ich eine kleine Pause. Kopf unter Wasser, Kopf abkühlen. Einundzwanzig, einundzwanzig, einundzwanzig.. du bist da, du bist weg – das Leben geht weiter, mit Dreiundzwanzig hatte ich auch schlimmen Liebeskummer. Aber das Leben schenkt dir, wenn es gnädig ist, immer wieder einen weiteren Tag, ein weiteres Monat und wenn du schlau bist, nutzt du diese Zeit und Schmerzen verblassen. Fünfundzwanzig, fünfundzwanzig.. ha, ja in dem Alter ging es mir wieder besser. Das Leben ist schön, es gibt so viele tolle Momente. Sechsundzwanzig, sechsundzwanzig, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig.. ein Mann kommt von der Umkleide herauf, ein Krauler, das sehe ich gleich, er setzt die Brille auf. Achtundzwanzig.. er dehnt seinen Körper und streckt sich am Beckenrand, setzt die Taucherbrille auf und zum Sprung an. Bei der nächsten Länge.. dreißig! Ich freue mich, höre ihn hinter mir ins Wasser springen und auch mein Herz macht einen Sprung. In zwei Monaten bin ich dreißig, dreißig, dreißig, dreißig.. ist ein schönes Alter. Ich erwarte das neue Jahr mit Spannung und mir schwappt eine Welle des Kraulers in die Nase. Er zieht Wellen nach sich und ich den Bauch ein. Kann der mich unter Wasser sehen? Zweiunddreißig, zweiunddreißig, zweiunddreißig.. nicht denken. Who cares? Dreiunddreißig, dreiunddreißig.. zwei Jugendliche kommen von den Rutsche – süß sehen sie aus, blödeln verliebt herum, ich mache meine Froschbewegungen. Hatten die schon mal Liebeskummer? Und schon wieder du! Ich tauche unter und meine Gedanken gleich mit. Fünfunddreißig, fünfunddreißig, fünfunddreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig, sechsunddreißig, sechsunddreißig, sechsunddreißig.. Ich werde dich nie wieder sehen, werde dein Leben nicht verfolgen können – wie so manch anderes Leben auf Facebook. Du bist weg! Weiter schwimmen! Ein Krampf, im Herzen. Siebenunddreißig, siebenunddreißig, siebenunddreißig, siebenunddreißig, achtunddreißig.. die Acht ist meine Lieblingszahl. Schon lange bevor ich wusste, dass sie umgelegt für Unendlichkeit steht. Ich erinnere mich gut an die Mathe-Stunde, als unser Lehrer uns dieses Wissen unterbreitete, ich lächle. Bei jedem Geburtstag mit einer Acht in der Zahl freute ich mich besonders und genoss es, wenn mich in dieser Zeit jemand nach meinem Alter fragte. Achtunddreißig, achtunddreißig.. wie wird mein Leben wohl in acht Jahren aussehen? Neununddreißig.. du wirst schon lange weg sein und viel wird sich seitdem getan haben. Werde ich dann noch manchmal an dich denken? Vierzig, vierzig, vierzig, vierzig.. Eine Minute Pause, am Rand anhalten und dem Krauler zusehen.. wie werde ich mit vierzig aussehen? Wo werde ich wohnen? Ich mag diese Gedanken, es ist spannend. Einundvierzig, einundvierzig, einundvierzig.. ich mag meine Zukunft. Ich mache keine Zukunftspläne – das Leben gleitet so dahin. Bei der mündlichen Matura-Prüfung gestern saßen die kleinen Maturanten vor dem Komitee – Thema: Erwachsenwerden. Wie stellst du dir das Leben in Zukunft vor, wenn du erwachsen bist? Eine Familie, Kinder, ein Haus, auch mit Mann – war die häufigste Antwort der Mädls. Ab wann ist man erwachsen? Unterschiedlich, aber so ab dreißig, denke ich – sagten viele. Süß. Fünfundvierzig, fünfundvierzig.. ich lächle. Als ich sechzehn Jahre alt war, mussten wir in der Schule einen Brief an unser zukünftiges Ich im Alter von dreißig Jahren schreiben. Was stand in meinem? Siebenundvierzig, siebenundvierzig, siebenundvierzig, siebenundvierzig.. eine erfolgreiche Mediendesignerin wollte ich sein, mit einem Haus am Land mit vielen Glasflächen, dass die Sonne es durchflutet. Von Kindern war auch die Rede, aber der Beruf nahm mehr Platz auf den zwei Seiten ein. Achtundvierzig, achtundvierzig.. Witzig, von einem Haus bin ich weit entfernt, eigentlich von allem. Ich mag mein Leben irrsinnig gern und der Liebeskummer gehört dazu, auch wenn es weh tut. Es gibt nicht nur diesen einen Menschen auf der Welt. Es gibt nicht ständig Happy Ends. Es gibt mehr als einen Deckel und es gibt nichts, dass es nicht gibt. Das ist das Leben. Fünfzig.. seltsam, wie das Leben funktioniert. Es zieht Kreise, immerzu und man kommt immer wieder an denselben Punkt mit immer wieder verschiedenen Menschen, wenn man nicht schafft, es zu durchbrechen. Dreiundfünfzig, dreiundfünfzig, dreiundfünfzig, vierundfünfzig, vierundfünfzig.. Eine Frau gesellt sich zu meinem Krauler und mir, sie zieht ihre Bahnen direkt neben meiner. Ihr Alter passt annähernd zu meiner Längenzahl, lustig. Fünfundfünfzig, fünfundfünfzig, fünfundfünfzig, fünfundfünfzig, fünfundfünfzig.. den Kopf freizubekommen, obwohl man ständig denkt? Das Schwimmen hat doch nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Egal, weiter! Siebenundfünfzig, siebenundfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, achtundfünfzig.. neunundfünfzig, neunundfünfzig, neunundfünfzig, neunundfünfzig.. Untertauchen.. Sechzig. Pause! Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich spüre das kühle Nass, ich war schon immer eine Wasserratte, passend zum Sternzeichen und zum Geburtstagsmonat. Im Juli geboren zu sein, ist großartig. Die Feiern unter freiem Himmel sind lebendiger als die im Winter im Haus. Einundsechzig, einundsechzig, einundsechzig, einundsechzig.. mit Einundsechzig bin ich schon ne alte Frau. Der Gedanke bringt mich zum Grinsen. An die Zukunft zu denken, lenkt mich vom  gegenwärtigen Jetzt ab und macht es erfreulicherweise nichtiger. Das gleiche Phänomen, wie am Meer zu sitzen und den Wellen zuzusehen. Wie gerne wäre ich jetzt dort. Den Sand zwischen den Zehen zu spüren, die salzige Luft einzuatmen. Ich liebe das Meer, da fühlt man sich klein. Das tut gut, denn auch die Probleme werden kleiner. Vierundsechzig, vierundsechzig, vierundsechzig, vierundsechzig, vierundsechzig.. am Strand zu sein, nur für sich und an die Zukunft zu denken, solange bis die Sorgen so klein sind, dass man sie nicht mehr fassen kann. Da bin ich ganz für mich, ganz bei mir. Ohne andere Menschen, ohne Gedanken an andere. Einatmen, ausatmen, schwimmen. Siebenundsechzig, siebenundsechzig, achtundsechzig, achtundsechzig, achtundsechzig.. Wieder ne acht. Ich freue mich. Nach den nächsten zwei Längen werde ich mich vom kalten Becken verabschieden und noch fünf Minuten im heißen Whirlpool entspannen. Neunundsechzig, neunundsechzig.. oder doch noch zehn Längen mehr? Neunundsechzig.. ich will nicht aufhören zu schwimmen, zu leben. So geht es mir immer, wenn ich einmal im Wasser bin.. das Bad sperrt bald zu. Egal, ich komme ja wieder. Siebzig.. der Kopf war nicht freizubekommen, aber ich fühle mich freier. Es liegt noch viel vor mir, jetzt zum Beispiel das heiße Blubberwasser und der Rest wird auch noch ganz wunderbar. Siebzig, siebzig, siebzig..

 

 

Advertisements