Hoffnung

Seit 25.09.2015 stellt das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (kurz: Außenministerium) Reisewarnungen für Afghanistan aus – mehr noch: Es wird allen in Afghanistan lebenden Auslandsösterreichern dringend angeraten, das Land schnellstmöglich zu verlassen. Die Österreichische Botschaft in Kabul wurde geschlossen. Dieser Stand ist aktueller (02.03.2016) denn je – keine Besserung in Sicht. Die Menschen fliehen seit 1980 zu Millionen vor Terror und Anschlägen. Wir, die in Österreich lebenden Österreicher, bekommen in diesem Jahrzehnt nicht viel davon mit, die Medien berichten kaum darüber.

Somit wundert es auch nicht, wenn viele unserer Innenministerin Johanna Mikl-Leitner auf den Leim gehen, wenn sie in der Kronen-Zeitung inseriert, dass Flüchtlinge, die wegen wirtschaftlicher Gründe nach Österreich wollen, kein Asyl mehr bekommen und erklärt, dass die – vergleichsweise geringe – 10.000 Euro-Kampagne vorerst in dem (Vorsicht Ironie!) sicheren Land Afghanistan Anklang finden soll. Mit Plakaten und TV-Spots wird in den fünf größten Städten in Farsi (einer der offiziellen Landessprachen) darauf hingewiesen, dass es besser sei, im Land zu bleiben, da Österreich wirklich sehr unattraktiv ist und hier keine sichere Zukunft möglich sein wird.

Abgesehen davon, dass sich die afghanische Bevölkerung davon nicht abhalten lassen wird zu fliehen, denn bevor man stirbt, versucht man sein Glück anderswo – Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt -, ist zu bedenken, dass Afghanistan eine sehr hohe Analphabetenrate (65 Prozent) hat, da der Zugang zu Bildung jahrzehntelang durch Bürgerkriege, Taliban etc. mehr als erschwert wurde. Viele werden diese Plakate also nicht entziffern können.

Nicht nur, dass diese – Afghanistans billigen Preisen sei Dank – 10.000 Euro besser investiert gewesen wären, scheint es, dient diese Kampagne einzig und allein dazu, sich der FPÖ-Wählerschaft anzubiedern. „Ja, wir tun etwas. Ja, wir müssen unser Land unattraktiver machen. Ja, wir müssen unsere Außengrenzen schützen.“ Schützen wovor? Vor unkontrollierten Menschenmassen, die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind? Terror, Islamisierung, sexualisierte Gewalt – besser aufhalten und die Menschen sterben lassen, anstatt Geld in gute Integrationsmaßnahmen zu stecken, versuchen Berührungsängste, Klischees und Vorurteile abzu- und Menschlichkeit aufzubauen. Die Hoffnung ist noch nicht gestorben, aber bis dahin führen wir einmal eine Tages-Obergrenze von 80 Menschen, die einreisen dürfen, ein. Denn: Österreich ist überfordert, wir können diese Massen nicht mehr stemmen. Der Druck auf die anderen Balkan-Staaten wird also erhöht und dramatische Szenen spielen sich seit einigen Tagen an der griechisch-mazedonischen Grenze ab. Der Domino-Effekt der Vernunft – Tränengas gegen verzweifelte Menschen – wurde in Gang gesetzt und zeigt nun sein bestialisches Gesicht. Bilder, die vorauszuahnen waren, Bilder, die in Kauf genommen werden, Bilder, die die Kampagne in Afghanistan tatkräftig unterstützen sollen.

„Leute, ihr werdet auf dem Weg hierher möglicherweise im Meer ertrinken und wenn nicht, werdet ihr an den Grenzen leiden, hungern und frieren – solange sich die anderen Staaten nicht dazu bequemen, auch aktiv zu werden. Falls dies in Zukunft nicht geschehen sollte und ihr tatsächlich heil nach Österreich gelangt, ja dann werdet ihr sehr lange warten, da wir den Antrag nicht bearbeiten und nach ungefähr zwei Jahren bekommt ihr dann sowieso einen negativen Bescheid. Meine Lieben, das wollt ihr doch nicht! Besser ihr bleibt zu Hause und versucht dort zu überleben.“ Flüchtlinge werden zu Spielbällen der Politik gemacht – zu Bauernopfern.

Und die österreichischen Bürger? Die werden seit dem letzten Sommer indoktriniert, denn der Mensch steht nicht mehr im Vordergrund. Wir werden überrannt und so muss man unterscheiden, kategorisieren, separieren. Die Armen dürfen ja kommen, denen helfen wir gerne – solange es nicht mehr als 37.500 sind. Aber die anderen, die „Scheinasylanten“, die die aus wirtschaftlichen Gründen – also wegen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Hunger und aus Angst um die Zukunft ihrer Kinder durch Anschläge – fliehen, finden hier kein Zuhause. Afghanistan ist für Österreicher kein sicheres Zuhause. Österreich ist für Afghanen kein sicheres Zuhause. Ist doch nur fair!

Wie es weitergehen wird, bleibt spannend. Klar ist jedoch, dass die Bilder noch unmenschlicher werden, wenn Europa nicht zu einer gemeinschaftlichen Lösung kommt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!