Seifenblasenrealität

Die unzähligen Tropfen prasseln gegen die Scheibe, es ist dunkel und ich sitze allein auf der Couch, indirektes Licht in Form von zehn Kerzen rund um mich, meinen Gedanken nachhängend und heißen Schwarztee nippend. Ich hab dich schon öfter im Regen schwimmen gehört und trotzdem gehst du mir gerade irrsinnig ab. Genau so sehr, dass ich vorhin drauf und dran war, mir einen Pinguin aus dem Zoo zu stibizen. Dann wurds doch die Ente ausm Park. Die watscheln auch süß, aber natürlich nicht vergleichbar mit dir. Ich mag dich mehr als verregnete Sonntage – muss ich wohl oder übel mehr recht als aufrecht zugeben. War mir lange nicht bewusst oder wollte es nicht ins Bewusstsein dringen lassen. Die Ente quakt und blickt mich vorwurfsvoll an, wahrscheinlich will sie ebenso wieder zu ihrem Enterich, wie ich mich zu dir wünsche. Was soll dieses Tier auch hier tun in der kleinen Wohnung ganz allein? Ich nasche das letzte Merci – Kaffee-Sahne – aus der Großpackung und frage mich, ob ich mit Isabell mehr gemein hab als mir lieb ist. Isabell quakt ungeduldig. Ich werde nervös. Darf man Enten zuhause halten? Nicht, wenn sie glücklich sein sollen.. wir gehen raus. Der Regen peitscht mir ins Gesicht, ich fühle die Freiheit, spüre die Nässe, genieße den kalten Wind, der mir beinahe die Luft zum Atmen nimmt. Isabell watschelt nicht mehr, sie fliegt – davon und bald erkenne ich sie in der Nacht nicht mehr. Nach unserem letzten Treffen sah ich dir ähnlich hinterher, nur flogst du nicht, der Zug entfernte dich von mir. Ich gehe noch eine Weile, springe von Pfütze zu Pfütze und weiche Lacken aus. Frei sein will ich, aber ich will es mit dir. Wäre das nicht Glück? Sich gemeinsam frei zu fühlen, wenn man der Sonne beim Untergehen zusieht oder aus den selbstgepflanzten Tomaten den ersten Salat mit Jogurt und Zitrone zubereitet? Oder diese seltsamen seltenen Momente miteinander erlebt, in denen man dem anderen in die Augen schaut und genau den Menschen darin erkennt, der er ist, ohne dass man sich abwenden muss, weil es ein innerer Kampf beider ist, wer es länger aushält? Ich bin patschnass, diese Gedanken bringen mich nicht weiter – ich kehre um. Wärst du jetzt hier würden wir nach Hause gehen, über die Zukunft Isabells sinnieren, gemeinsam heiß duschen, du würdest mich abrubbeln und mich in meine Lieblingsschlabbersachen stecken. Ich mache es allein, ich kann das auch. Mit dir macht es mehr Spaß, auf der Couch mit Tee und Kuscheldecke. Jedes Mal wenn du da warst, hielt die Zeit an, etwas Magisches lag in der Luft – jede Minute, jeden Tag und jede Nacht. Und sobald du in den Zug stiegst, setzte just das Leben wieder ein. Der Traum zerplatzte wie eine mit Zigarettenrauch gefüllte Seifenblase. Danach roch es wie in einem ungelüfteten Partykeller am nächsten Morgen, so dass man ihn gar nicht betreten möchte, um aufzuräumen. Doch so wie der Zug dich ohne Verspätung fortbringt, so läuft die Zeit weiter und man muss sich dem Keller stellen, ganz ohne Magie und Wunder. Man lebt und putzt gründlich weiter mit dem Kopf voller neuer Erinnerungen und der Hoffnung, dass die nächste Kellerparty so bald als möglich steigen werde. Man hangelt sich durch die Realität von Party zu Feier, von Traum- zu Seifenblase und erwacht am nächsten Tag glasklar, sitzend auf dem Sofa, umringt von Kerzen und melancholischen Gedanken mitten im echten Leben, allein. Glücklichsein mit dir ist wie ein Rausch, ohne Kater am Tag danach, jedoch manchmal eventuell mit Enten. Isabell ist von ihrem Ausflug in eine chaotische kleine Welt bestimmt schon zu ihrem Liebsten zurückgekehrt. Vielleicht sollte ich es ebenso machen, einfach immer weiter fliegen, irgendwann fliegst du dann vielleicht mit mir zusammen oder ziehst deine Kreise laut hörbar mit mir gemeinsam im Regen. Die unzähligen Tropfen prasseln gegen die Scheibe, es ist dunkel und ich sitze allein auf der Couch, indirektes Licht in Form von zehn Kerzen rund um mich, meinen Gedanken nachhängend und heißen Schwarztee nippend.