Tovarnik

Freitagnachmittag entdeckte ich den Aufruf eines Facebook-Freundes, AutofahrerInnen, Spenden und helfende Hände werden gesucht, da ein Konvoi nach Kroatien (Tovarnik) geplant ist. Ich war schon in Traiskirchen beim Spendensortieren der Caritas, doch hautnah flüchtenden Menschen zu helfen und ihnen in der schweren Zeit beizustehen, ist wieder etwas anderes. Bei meinem Abendkurs zur Berufsreifeprüfung habe ich mit Ach und Krach die Englisch-Matura bestanden. Seitdem habe ich jedes Mal Bammel, wenn ich in fremden Ländern unterwegs und mit Englisch und anderen Sprachen konfrontiert bin. Komme ich in die Situation, Englisch sprechen zu müssen, werde ich innerlich panisch. Reden die Leute zu schnell, verstehe ich sie nicht und wenn ich nicht genau weiß, ob die Satzstellung oder Grammatik richtig ist, traue ich mich nicht zu sprechen. Die Sprachbarriere baue ich mir selbst auf und macht mir Angst. Die Flüchtlinge sprechen hauptsächlich Arabisch oder Farsi, somit sind Sprachschwierigkeiten vorprogrammiert. Noch dazu kenne ich die Menschen in Not nicht und habe Bilder von Elend, Leid, Massenhilflosigkeit, Panik, Gedränge und Tumult im Kopf. Ich habe Sorgen, ob ich den Menschen helfen kann, wenn ich sie nicht verstehe!? Kann ich mich mit HelferInnen anderer Nationen verständigen? Ich habe keinen blassen Schimmer, was mich erwarten wird, aber ich sage spontan zu. Ich lasse es einfach auf mich zukommen. Jede Hilfe ist gefragt und wichtig, denke ich bei mir. Im Notfall verständigt man sich mit Händen und Füßen, Hauptsache es wird geholfen.

Durch meinen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus komme ich auf drei Stunden Schlaf, ehe der Wecker um 5 Uhr in der Früh läutet und ich mich auf den 4 Kilometer langen Weg zum vereinbarten Treffpunkt mache. Für mich war in den drei vorbereiteten Autos kein Platz mehr, da zwei weitere, so wie es ausgemacht war, leider nicht kamen. Der Initiator aber meinte, dass ich eh nur so groß wie ein vollbepacktes Sackerl wäre. Also eines raus und Simone rein 😀 Jede helfende Hand ist Goldes wert.

Um 8 Uhr holten wir noch unseren Farsi-Übersetzer vom St. Pöltner Bahnhof ab und dann ging die Fahrt nach Kroatien los. Die Stunden vergingen und Alex und ich verpackten 2000 gespendete Teebeutel mit Zuckerwürfeln in passende Säckchen, zur leichteren Handhabe für die Flüchtlinge. Ich versuchte zeitweilig zu schlafen, machte die Augen zu und schaffte es sogar, eine Stunde die Gedanken auf das Bevorstehende auszuschalten. Leicht war es nicht, da meine Gedanken darum kreisen, was mich erwarten würde. Ich machte mir Sorgen, ob ich die Fremden verstand und ich ihnen helfen konnte. Ich versuchte mich zu beruhigen, ich war nicht allein und was sollte schon passieren?! Im selben Moment empfand ich diese Ängste als lächerlich, die Menschen brauchen Hilfe, ich kann nur das tun, was in meinen Möglichkeiten lag und das ist besser, als daheim vor dem Fernseher zu sitzen oder an der Uni-Arbeit zu schreiben, die noch ausstand. Verhindern kann ich es sowieso nicht mehr und wollte es auch nicht, die Entscheidung war getroffen. Das wird jetzt durchgezogen. Dass wir alle ein Team waren, am selben Strang zogen und dasselbe Ziel hatten, ließ mich ruhiger werden. Die Ungewissheit, was auf mich zukam, war nicht einfach zu händeln, aber ich ermahnte mich innerlich immer wieder zur Ruhe. Alles kommt, wie es kommt.

Nach etwa 7 Stunden Autofahrt kamen wir in Tovarnik, an der serbisch-kroatischen Grenze, an. Ein Dorf im Ausnahmezustand! Jedes dritte Haus erinnert an den Krieg, der noch nicht so lange zurückliegt. Ob zerbombt, mit etlichen Einschusslöchern versehen oder abgebrannt, ein Schauplatz der Erinnerung, säumt die Straßen des Dorfes. Ich hoffte nur, dass die Flüchtling nicht zu sehr mit der Nase darauf gestoßen werden und es sie nicht allzu sehr bedrückt. Die örtliche Polizei sperrte Straßen ab, schickte uns nach rechts und links, jedoch nicht dorthin, wo unsere Hilfe gebraucht wurde. Unzählige Kamerateams mit riesigen Satellitenschüsseln filmten die am Rand und im Schatten sitzenden Flüchtlinge, die sich von der Reise über die Grenze ausruhten. Kein Durchkommen.  Durch Suchen und Hilfe einer Bewohnerin fanden wir dann den Weg hinten herum. Tausende Menschen saßen am Boden oder suchten am Gelände Nahrung, Kinderwägen, Kleider und Schuhe. Wir platzierten die Autos, entschieden uns für einen Platz, wo wir die Spenden ausgeben wollten und begannen mit dem Ausräumen der Autos. Sofort waren Flüchtlinge zur Stelle, um uns beim Ausladen zu helfen. Keiner langte ins Auto oder bediente sich selbst. Wir bauten mit Stecken und Paketklebebänder unseren „Stand“ auf und schon waren viele vor Ort, um zu sehen, was es alles so gab. Die sieben Kinderwägen, die wir mit hatten, waren schnell verteilt, sie werden so dringend gebraucht, sie erleichtern die Reise erheblich. Viele fragten um Schuhe, da fast alle in Flip-Flops und Sandalen oder barfuß unterwegs waren.

Nach nicht einmal zwei Stunden waren unsere Spenden verteilt, ein Bekannter konnte noch weitere 500 Euro Spendengeld auftreiben und machte sich sofort auf den Weg, weitere Nahrungsmittel im nahegelegenen Supermarkt aufzutreiben. Käse, Brot, Tunfisch, Käsecracker und Milch brachte er mit und es wurde gleich ausgegeben. Wir hatten hauptsächlich Baby-Gewand mit und viele Mütter suchten passendes Gewand für die Kleinsten. Die Kinder freuten sich über die Lollys und Schoko-Müsliriegel, die wir verteilten. Die Menschen waren sehr zurückhaltend, alle meine vorherigen Sorgen waren wie weggeblasen.

Einem Vater wollte ich statt einer Wasserflasche zwei geben, er bedankte sich sehr freundlich und meinte, dass eine genüge. Einem 7-jährigen Jungen wollte ich einen Pullover in seiner Größe geben, er deutete mir, dass er ihn nicht brauche, er suche nur nach einer Jacke für seine kleine 2-jährige Schwester. Die Verständigungsschwierigkeiten waren zwar gegeben, aber sie waren kein Problem. Es schmerzte mich, wenn jemand um etwas fragte, was wir nicht hatten. Am liebsten hätte ich jedem das gegeben, was gerade gebraucht wurde. Eine Schwangere suchte nach passenden Schuhen und wir hatten keine in ihrer Größe. Es tat mir so leid, das Pärchen gehen zu lassen, ohne helfen zu können und trotzdem bedankten sie sich überschwänglich. Die Leute haben eine Stärke und Bescheidenheit, die ich absolut bewundere. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft und Ausdauer hätte, trotz all der Strapazen noch so bescheiden, freundlich und zurückhaltend zu sein. Ich teilte dann Lollys aus, da so viele Kinder vor Ort waren. Kleine süße Racker, alle mit vorsichtiger Haltung und fragenden Augen. Ein kleiner Junge mit dunklem Haar hielt die Hand auf, ich legte den Schlecker in seine kleinen Hände, er schaute mich mit großen, leuchtenden Augen an und sagte laut: Merci – und ging ein paar Meter zur Seite, damit auch die anderen Kinder Schlecker bekamen. Ich schaute ihn nochmal an und hielt ihm einen zweiten Lolly mit einer anderen Geschmacksrichtung hin, er kam langsamen Schrittes auf mich zu, nahm den zweiten, biss sich auf die Unterlippe und freute sich sichtlich. Als die anderen das sahen, kamen sie ebenso und wollten weitere Süßigkeiten. Plötzlich standen bestimmt über zehn 2-6-jährige Kinder vor mir und stopften sich die Taschen mit Lollys voll, alle lachten und freuten sich, so wie ich! Dass man Kindern mit Lollys so eine Freude bereiten kann, ist seltsam – das Gefühl unbeschreiblich. Alle bedanken sich und machten sich daran, die Schlecker auszupacken. Ein paar fragten mich, ob ich ihnen dabei helfen könne. Die leuchtenden und glücklichen Augen und Grinser werde ich nie vergessen. Dann kamen ein paar Jugendliche, nicht älter als 18 Jahre, ich bot ihnen ebenso die Schlecker, die ich gerade in der Hand hatte, an. Sie musterten mich mit dem Blick: Hallo? – Wir sind schon viel zu alt für Süßigkeiten, nahmen sie aber dennoch. Sie lachten, es war ihnen sichtlich unangenehm, sie waren schon viel zu alt für Süßes. Trotzdem blieben sie danach in Blickkontakt stehen, sprachen in fremder Sprache, lachten und beobachteten mich. Aber nicht böswillig, sondern so wie Jugendliche das tun, mit Zwinker und hochgezogenen Brauen und einer gewissen Art von Flirten. Ich grinste. Sie auch und warfen mir Kussmünder zu. Sind doch in der Pubertät alle gleich, egal woher sie kommen 🙂 Flirten in dem Alter ist doch normal 😀

Ein Vater bat mich um Essen, ich reichte ihm eine Dose mit gefüllten Weinblättern und sagte: Halal. Vorher wurde mir gesagt, dass es wichtig sei, es zu betonen, damit die Menschen wussten, dass sie es ohne Bedenken verzehren konnten. Er bedankte sich überschwänglich, ich gab ihm eine Dose Tunfisch und Brot dazu. Die Blicke und Dankbarkeit überraschen mich immer wieder, im Grunde habe ich nichts Weltbewegendes geleistet. Nichts, was das große Leid und den weiteren langen Weg lindern könnte. Diese Menschen nehmen unglaubliche Rücksicht auf ihre Mitmenschen und teilen. Ich habe niemanden erlebt, der mit Ellbogen kämpft oder eigennützig handeln würde, was mich nicht mal wundern würde in dieser schrecklichen und unmenschlichen Situation. Die Menschen lächeln bescheiden, sagen Merci und machen eine Dankes-Geste.

So viele weitere HelferInnen aus allen Ländern waren vor Ort, sie kamen auf uns zu und meinten, wir sollten bitte unseren Stand zur Seite räumen, da hier jetzt Zelte aufgebaut werden, es komme ein Unwetter. Alle bauten auf, halfen mit bis zig Zelte standen. Die Organisation und Hilfsbereitschaft war ein Zusammenhalt, kenne ich so nicht. Familien mit Babys hatten Vorrang und durften sich dann zurückziehen und Privatsphäre genießen. Ich freute mich, es wurde ruhiger, dunkler und später. So viele Zelte standen, Menschen machten es sich bequem so gut es ging. Eine fast friedliche Stimmung. Vereinzelt fragen Leute noch nach Essen und Wasser, aber der Großteil der Arbeit war vorerst getan. Abseits standen ein paar Tixi-Klos, Duschen fand ich keine, eine Gruppe von Flüchtlingen spielten Fußball, man hörte die ernsten Schreie, man vernahm, dass sie Spaß hatten. Eine skurrile Situation. Der Abend und die Wetterfront kam bedrohlich nahe auf uns zu. Bald würde es regnen. Nicht auszudenken, da noch viele kein „Dach über den Kopf“ hatten. Eine Familie mit einem fiebernden Baby kam auf uns zu und bat um Hilfe, Andrea begleitete sie sofort zum Ärzte ohne Grenzen-Zelt, Gott sei Dank waren sie vor Ort und nahmen sich der Familie an. Es wurde geholfen so gut es ging und die Möglichkeiten es zuließen. Trotzdem schliefen viele nur mit Decken und Schlafsack unter freiem Himmel mit dunklen und hängenden Wolken. Andrea und ich fuhren um 21 Uhr wieder Richtung Österreich, mit dem garstigen Gefühl zu wenig getan zu haben. Wir hatten beide Termine am Sonntag. Die anderen Helferinnen blieben bis zum nächsten Tag, schliefen unter dem aufgestellten Pavillon auf zwei Teppichen und gaben noch ihre letzte Decken einem kleinen Kind, das darum bat. Nach einer halben Stunde Autofahrt begann Blitz, Donner und Platzregen. So gerne hätte ich weiter geholfen und Menschen eingepackt, um sie mitzunehmen. Kein Mensch sollte so etwas durchmachen, niemand hat so eine Behandlung verdient. Die Syrerinnen und Syrer sind außergewöhnlich starke Menschen mit viel Ausdauer, Willenskraft und Bescheidenheit. Sie sind dankbar und leben die Nächstenliebe. Ich habe großen Respekt vor diesen Leuten. Diese Zumutung haben sie nicht verdient. Das Kommunizieren war nicht immer einfach, ich verstand oft nicht, wonach jemand fragte, aber das war nicht wichtig. Ich schenkte jedem, der mich ansah ein Lächeln und bekam jedes Mal eines zurück. Diese Wärme und Menschlichkeit ließen alle Sorgen um Verständigungsschwierigkeiten sofort vergessen. Alles was ich tat, war nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Ich hatte ein ungutes Gefühl zu fahren, nicht mehr helfen zu können, obwohl noch so viel zu tun wäre. In ein warmes Zuhause zu kommen mit einem richtigen Dach über dem Kopf ohne Sorgen, ist ein Paradies. Ich dachte an die heiße Dusche in meiner Wohnung, freute mich darauf und konnte mir nicht vorstellen, ein Flüchtling ohne passendes Schuhwerk zu sein, wochenlang unterwegs, ohne Hygiene, mit schmerzenden und blutigen Füßen und den Kindern auf den Schultern, auf dem Weg in ein friedliches, besseres Leben mit den traurigen Gedanken an ein zurückliegendes schönes Zuhause, das man nie wieder so vorfinden wird, an geliebte Menschen, die verstorben sind und an eine Zukunft, die man sich lieber nicht ausmalen möchte. „Nach“ Tovarnik bedeutet für diese Menschen, weitergehen – in ein hoffentlich besseres Leben. Ich wünsche es jedem Einzelnen so sehr! Das ist so viel mehr als die vier „eh schon langen“ Kilometer, die ich in der Früh, ohne ausgeschlafen zu sein, ging, um zum vereinbarten Treffen zu kommen.