Traiskirchen

Seit einer guten Woche versuche ich die Eindrücke, die mir Traiskirchen beschert hat und die Gefühle, die dadurch in mir ausgelöst wurden, zu verarbeiten und zu Papier zu bringen. Bis jetzt bin ich der Meinung, dass ich keine passenden Worte finden werde, die beschreiben könnten, was sich dort Tag für Tag abspielt. Wenn man selbst nicht vor Ort war und nur die unzähligen Berichte kennt, die im WWW zu finden sind, kann man es sich beim besten Willen nicht vorstellen. So wenig, wie ich hoffentlich nie wissen werde, wie es ist, in nem Kriegsgebiet wohnen zu müssen. 38 Grad zeigte mir das iPhone bei der Hinfahrt auf der Autobahn. Ohne Klima fast schon zu beklagen. Doch nur fast, wenn man sich die Bilder in Erinnerung ruft, die man von Traiskirchen kennt. Die Flüchtlinge halten diese Temperaturen schon länger aus, müssen sie.. auch weiterhin. Das Nichtstun – was bleibt ihnen anderes übrig – und die gleißende Sonne können Gemüter erhitzen. Doch die Menschen sind ruhig, die Atmosphäre friedlich. Magisch.. im negativen Sinn.

Traiskirchen ist ein Ort der Gegensätze – auf der einen Seite, die Jugendlichen, die perspektiven- und hoffnungslos im Gras sitzen und ins Leere starren, der enormen Hitze ausgeliefert, Babys, die auf dreckigen Decken im Schatten mancher Bäume liegen, Mütter, die mit Kinderwägen ziellos durch die Straßen laufen, ohne Chance auf baldige Besserung und auf der anderen Seite kommen zwei Radfahrer aus der nahegelegenen Eisdiele, frohen Mutes, schleckend und lachend. Eines haben alle Flüchtlinge gemein, man erkennt sie sofort an ihren ausdruckslosen Augen, ihren seltsamen Taschen, die sie mit sich tragen und ihrem zusammengewürfelten Gewand, manchem zu groß, manchem zu klein, grotesk wirkte es. Sehen sie ein Auto näher kommen, ändert sich der Blick von „resigniert“ zu „hoffnungsvoll“, vielleicht gibt es Spenden. Viele hoffen auf Nahrung, Wasser, Sonnencreme, Hygieneartikel und Schuhe. Es gibt davon zu wenig für alle. Jedoch wird der Schein gewahrt. Einen Tag vor meiner Ankunft hat sich Amnesty International angekündigt, dementsprechend sauber war das Lager, außer der bunten Zelte befand sich nichts am Gelände, kein Zigarettenstummel, keine leere Papiertüte verunstaltete den Boden, nichts verunreinigte das Gesamtbild. Die Stimmung verrät  aber jedem, der genau hinsieht, dass vieles im Argen liegt, mehr noch als es den Anschein macht.

Wunderschön war die Hilfs- und Opferbereitschaft der Österreicherinnen und Österreicher in der Omni.Bus Caritas-Zentrale beim türkischen Kulturverein und der privaten Spenderinnen und Spender vor dem Eingang des Lagers. So eine große Anzahl von Geschenken, sodass man mit dem Sortieren nicht mehr nachkommt. Viele meinen es gut. Genau deshalb ist die Vorsortier-Arbeit irrsinnig wichtig. Zu großes Gewand (XXL), Unpassendes, wie zu aufreizende Damenshirts oder zu kurze Röcke oder Winterklamotten werden aussortiert. Reichlich Tragbares muss noch einmal gewaschen werden und Zerrissenes und Kaputtes oder mit Schweißflecken Verziertes wird entsorgt, danach werden die Sachen nach Größen und Kategorien sortiert und in Kisten verpackt. Zu groß wäre der Tumult, wenn sich die Flüchtlinge, wie auf nem ungeordneten Wühltisch durchgraben müssten, vorstellbar bei 4500 Menschen! Chaos pur und geholfen wäre dabei keinem. Die Arbeit ist beschwerlich. In dem Riesenzelt der Caritas war es heiß, schwül, stickig und staubig, aber jede und jeder der Freiwilligen arbeitete unter Hochdruck. Alle halfen einander, waren trotz Fremdheit eine Einheit. Man schmeckte den Staub, Großherzigkeit und Nächstenliebe lagen ebenso in der Luft. Geschäftig tummelten sich die Helferinnen und Helfer durch die endlosen Tischreihen und versuchten so schnell als möglich die nächste Kleidungslieferung zu sortieren. Kein Ende in Sicht!

Seit ich in diese große Anzahl leerer Gesichter blickte, fällt es mir schwer, die Menschen „Flüchtlinge“ zu nennen, dafür waren sie allzu menschlich, allzu real, allzu normal, allzu wie ich und jeder andere, den ich kenne. Das ganze Leid breitet sich wie eine Decke über den Ort und wird mit jedem Tag in dem Lager größer und spürbarer. Beim Nachhausefahren war mir, als müsse ich mehr tun, am liebsten würde ich euch alle einpacken und mitnehmen. Nur wohin? In ein besseres Leben! Dieses hat niemand verdient! Die Masse an Familien erschreckte mich, aber noch mehr stach es im Herzen, als ich die unzähligen männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sah, die ohne Eltern, Geschwister, Ehefrauen und Kinder alleine hier sind, deren Schicksalsschläge und weitere Zukunft ich mir gar nicht ausmalen will.

Heute ist diese eine besondere Nacht der Sternschnuppen. Die Wünsche der Menschen in Traiskirchen sind existenzieller und elementarer als meine es wären. Sollte ich noch eine Sternschnuppe zu Gesicht bekommen, wünsche ich mir, dass alle Gebete und Bitten der Flüchtlinge in Erfüllung gehen und hoffe, dass viele von ihnen in der heutigen heißen Nacht, nach oben sehen, ein bisschen Ruhe finden und neue Hoffnung schöpfen können. Sie haben es sich verdient, nachdem sie zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden und es auch die Flucht bis jetzt noch nicht besser machte. All das Leid und der Schmerz sollte nicht sein müssen! Ich kann nur jedem ans Herz legen, hinzufahren, Obst, Fladenbrot, Gemüse, Wasser und Windeln einzupacken und es dort zu verteilen, die Menschen sind so dankbar. Wir wären es auch!