Lebenswege

Es ist ein kalter Samstagmorgen im Juni. 6 Uhr. 11 Grad. Es regnet. Ich sitze in der Küche und während ich gedankenverloren aus dem Fenster blicke und vereinzelt rote und grüne Regenschirme Richtung Bauernmarkt tanzen sehe, höre ich den Kaffeetropfen zu, die mir zu langsam in die Kanne springen. Einer nach dem anderen, stark, schwarz und voller Energie, jedoch im Gänsemarsch, so ganz anders als die dicken Tropfen vor dem Fenster, das ich trotz kalter Nase und Füße öffne, solange ich sehnsüchtig auf das allzu bekannte Geräusch warte, dass mir deutet, bald munter und klar zu sein. Ich atme tief ein, ich liebe diese ehrliche, frische Regen-durchdringt-Asphalt-und-schwängert-die-Luft-Luft. Der Regen wird stärker und mir kälter. Ich spüre mich und tapse von einem Bein zum anderen, bleibe abrupt stehen, schließe die Augen, hole noch einmal tief Luft und verharre.

Lebenswege. Mein Leben hat schon seltsame Wege eingeschlagen.. und alle gehören zu mir. Machen mich zu der Frau, die ich heute bin und brachten mich steten Fußes dorthin, wo ich jetzt stehe – in meiner tollen Küche mit den großartigen, und im Winter beschlagenen, Flügelfenstern. Ich habe den Luxus, mir an einem Samstagmorgen Gedanken über Lebenswege zu machen. Ein tolles Leben, wie meine Küche, manchmal gibt es auch beschlagene Tage, aber im Großen und Ganzen könnte man durchaus sagen, dass das Motto derzeit „200 Tage Sommer“ lautet – trotz Regen. Der mich im Grunde selten stört, gerade dann, wenn er sich mit kaltem Wind zusammen tut und glaubt, dass er wie ein Teenager um die Häuser ziehen kann, rau und ungehobelt peitscht er einem die Tropfen ins Gesicht, wie der Jugendliche, der einem rotzfrech eine Meldung nach der anderen in eben dieses schleudert. Kommt er aber allein, wird er nicht übermütig und ich liefe am liebsten hinaus, um in ihm zu tanzen. Bestimmt geht es nicht allen so. Viele verteufeln ihn, weil er sie überrascht und durchnässt, weil sie seinetwegen krank wurden oder die neue Frisur ruiniert ist. Manche schimpfen ihn, denn er hat das schöne Sommerfest zerstört oder die lang herbei gesehnte Hochzeit.

Selten denken die Menschen daran, dass er, gerade in diesem Moment, auch vielen Flüchtlingen in Zelten das Leben schwer macht, schwerer als sie es ohnehin schon haben. Haben tun sie sonst nichts, außer die Kleidung am Körper und ein Handy in ihrer Tasche. Im besten Fall noch die Familie an der Hand, doch beste Fälle treten in diesen Fällen selten auf. Der Normalfall ist ein Mann, der auf Arbeit und somit Geld hofft, sodass er es nach Hause schicken oder die Liebsten herholen kann. Wunschvorstellungen. Stattdessen sitzen sie in kleinen Zelten mit den Füßen auf nasser, matschiger Erde und das Einzige, das ihnen erlaubt ist zu tun, ist warten.. und das im schlimmsten Fall sogar monatelang. Das ist kein wünschenswerter Lebensweg, das ist ein beschwerlicher, trauriger Weg, der mit viel Leid, Schmerz und traumatischen Erlebnissen gepflastert ist.

Und viel zu selten bedenken diese Menschen, die so schnell und laut „Wirtschaftsflüchtlinge“ und „Das Boot ist voll!“ rufen, die sich über den Regen ärgern und deren einzige Sorge ist, dass es nicht nass die Schuhe hineinläuft, dass diese Flüchtlinge vor dem Terror und der ausweglosen Situation selbst vor der Kaffeemaschine warteten und über das Leben sinnierten. Schwer vorstellbar, dass einer dieser Menschen sich die momentane Lage ausgemalt hat, als er am Fenster stand und den Kindern im Garten beim Spielen zusah. Schwer vorstellbar, dass er vorausahnte oder sich sogar wünschte, dass er im Juni tatenlos in einem fremden Land sitzt, ohne zu wissen, wie es seiner Familie in der Heimat ergeht. Ausmalen wird er sich vermutlich das Schlimmste, vor allem so ganz ohne Ablenkung.

Ich bin gerade sehr dankbar, dankbar, dass ich in der Küche stehe und meine Sorgen sich um kaputte Handydisplays und Kleidermotten im Schlafzimmer drehen, dass ich meine Liebsten sicher in der Sorggasse weiß und mein Lebensweg dank meiner Mama vor 29 Jahren in Österreich begonnen hat. Dazu habe ich nichts beigetragen, deshalb steht es mir nicht zu, stolz darauf zu sein. Und aus diesem Grund käme mir niemals in den Sinn, mich mit Schildern bewaffnet vor ankommenden Flüchtlingen zu positionieren, auf denen zu lesen ist, dass sie hier nicht willkommen sind. Aus Jux und Tollerei oder für mehr Geld, nimmt man so einen Weg nicht in Kauf. Diese Strapaze kostet genug, manchen das Leben. Niemandem wünsche ich eine derartige Situation. Was ich mir wünsche, ist mehr Empathie und Barmherzigkeit und weniger Hass und Neid. So wurde ich erzogen und dafür bin ich dankbar. Ich sitze in der Küche, trinke meinen Kaffee und träume von einer besseren Welt, von Zusammenhalt und Menschlichkeit. Mir ist kalt, ich schließe das Fenster, es gibt viel zu tun..