Unschuldsvermutung

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte findet sich der Grundsatz, dass jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, solange als unschuldig anzusehen ist, bis seine Schuld nachgewiesen ist. Diesen Artikel 11 kennt jeder. Am Stammtisch und im Internet wird er als nicht so wichtig erachtet.

Anspielen möchte ich auf den Absturz der Germanwings-Maschine 4U9525 am 24.März. Es ist unfassbar und erschreckend pietätlos, was sich zur Zeit in der deutschen und österreichischen Medienlandschaft für Abgründe auftun. Ob Schundblatt oder vermeintliche Qualitätszeitung, alle springen auf den Zug „Der Südenbock muss ausgeschlachtet werden“ mit Freude auf. Zwei Tage nach dem Unglück sind die Ermittlungen selbstverständlich noch nicht abgeschlossen, jedoch entdeckt man auf Facebook sekündlich neue gravierende Hintergrundinformationen zum „Killerpiloten“, wie ihn einige Zeitungen nennen. Sogar sein vollständiger Name, Fotos seines Elternhauses, von ihm selbst und der Hausdurchsuchung werden publiziert und in der Öffentlichkeit breitgetreten. Ein paar, um nicht zu sagen unseriöse, Zeitungen veröffentlichten sogar Bilder eines Mannes, der der Copilot sein sollte. Ist er aber nicht. Hauptsache reißerische Schlagzeilen und Bilder eines Massenmörders, um die Sensationsgier und -geilheit des Volkes zu stillen. Wer den größeren Aufreger liefert, erhält die meisten Klicks. Darum geht es, sonst ist nichts, aber auch gar nichts, von Bedeutung. Es muss ein Schuldiger her, ein Toter ist da immer von Vorteil. Die verbliebenen Angehörigen des Piloten sind entschuldbare Bauernopfer. Ohne Rücksicht auf Verluste werden mit dem Konjunktiv Leben zerstört.

Vermutungen, so weit das Auge reicht

Mutmaßungen, wie schwer psychisch krank dieser Pilot war, häufen sich. Ob der Mann beim Hausarzt oder Psychologen war, weil er eine Spinnenphobie, eine Psychose oder eine Spielsucht hatte, ist nicht geklärt. Vermutungen über Vermutungen werden im Minutentakt gepostet. Immer wieder tun sich neue Quellen auf, aber eines bleibt allen Medien gleich: Der Schuldige ist der Copilot. Zweifel ausgeschlossen. 8 Minuten ruhiger Atem, eine immer wieder versperrte Tür und der Sinkflug lassen niemandem an der Unschuld zweifeln.

Die Trauer um die Toten ist groß und das Beileid der Welt sei ihnen gewiss. Jedoch ist auch dieser 27-jährige Pilot gestorben. Ein Datenrekorder wurde noch nicht gefunden, die Ergebnisse liegen noch nicht alle vor und im Netz wird trotzdem zeitgleich eine Hetzkampagne veranstaltet, die Ihresgleichen sucht. Eine Gefällt-mir-Seite mit dem Namen des Piloten wurde auf Facebook erstellt, auf der sich jeder über ihn auslassen kann, wie es ihm beliebt. Was dort vom Pöbel zu lesen ist, ist unter aller Würde. Dass sich die Medien nicht schämen, ist verständlich. Ein paar ruderten erstaunlicherweise sogar wieder zurück. Entschuldigt hat sich niemand bei niemandem, ob bei der Familie des Piloten oder bei dem Mann, dessen Foto man absurderweise unverpixelt veröffentlichte, obwohl es sich nicht um den Copiloten handelte. Jedoch werden qualitativ hochwertigere Artikel gebracht, in denen es darum geht, dass es schon ein bisschen eine Schande ist, das so schnell geurteilt wird, wo es doch bei anderen Flugzeugabstürzen oft länger als 8 Monate dauerte.

Erstaunlich finde ich doch diese Tote Fisch-Mentalität der Gesellschaft. Man schwimmt mit dem Strom, so wie es das Boulevardblatt und die Qualitätszeitung will. Es muss ja seine Richtigkeit haben, wenn alle Journalisten dasselbe schreiben. Kann ja gar nicht anders sein. Plötzlich ist jedermann und -frau FlugzeugtechnikerIn und ProfifliegerIn. Zu wenige bedienen sich des eigenen Verstandes und platzen mit Schuldrufen heraus. Ich kann absolut nicht verstehen, dass so wenig kritisch hinterfragt wird. Selbst wenn er ein persönliches Problem hatte und dieses Unglück mit Absicht verursachte, weil er Aufmerksamkeit wollte, wie viele vermuten, muss ich nicht mit virtuellen Heugabeln zu einem Mob zusammenlaufen und hetzen. Das ist dergestalt geschmacklos, dass man sich in Grund und Boden schämen könnte. Diese Massen-Anschuldigung wird an den Angehörigen kleben wie eine falsche Vergewaltigungsanzeige. Ein bitterer Nachgeschmack wird immer bleiben. Ich hoffe, dass diese widerliche Hexenjagd, die niemand verdient hat, ein Ende findet, genauso schnell, wie das Beileid und Mitgefühl für die Verstorbenen und Angehörigen bald wieder abgeebbt sein wird.

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