Erwartungen

Pünktlich zum Jahresende haben viele Menschen eine hohe Erwartungshaltung an die nächsten 12 Monate. Ob Glück und Geld, Erfolg in Beruf und Liebe, die Liste ist endlos. Etwas erwarten bedeutet laut Duden: Mit gewisser Spannung dem vorausgesetzten Eintreffen einer Person oder Sache entgegensehen, sich etwas erhoffen oder versprechen. In dem Wort „erwarten“ steckt eine gewisse Warterei. Jemand der etwas erwartet, befindet sich somit in einer Warteposition. Wenn ich also auf die neuen, lebensverbessernden Vorsätze warte, wird vermutlich genau gar nichts geschehen.

Die „Erwartungshaltung“ beschäftigt mich seit einiger Zeit besonders in Verbindung mit Beziehungen. Mich dünkt, als ginge es in Partnerschaften allzu oft um Erwartungen. Erwartungen an die Beziehung, aber vielmehr an den Partner. Manche sehnen sich nach dem absoluten JA des anderen zum gemeinsamen Leben und sind sich des anderen unsicher. Einige erwarten Taten, die sie selbst als selbstverständlich ansehen, wie das tägliche Abendessen und die gebügelten Hemden, das Verweilen am Krankenbett, die wöchentliche Liebesbekundung auf Facebook oder einfach nur mehr Verbindlichkeit in all ihren Formen und Farben. Häufig werden diese Erwartungen nicht an- oder ausgesprochen, meist werden sie durch die Blume geflüstert. Eigentlich sollte der Partner/die Partnerin sie ja sowieso riechen können.

Da man beim Erwarten in einer Warteschleife steckt, ist es geradezu ein passiver Akt. Stellt man sich im vollsten Bewusstsein in diese passive Ecke, um nicht selbst tätig zu werden? Die Erwartung setzt voraus, dass etwas von der anderen Person kommt und am besten das, was man gerne hätte.

Ein weiser Mensch sagte einmal: „Leg dein Leben, Glück und Wohlbefinden nicht in die Verantwortung des anderen.“ Soll heißen: Nur du allein bist dafür zuständig, ob du glücklich bist. Nimmst du den Partner/die Partnerin in die Verantwortung, kannst du nur enttäuscht werden.

Bleibt die Erwartung unerfüllt, fühlt sich der Wartende abgewertet und zurückgewiesen. Dann setzen im Normalfall zwei Mechanismen ein: Druck, um den Anspruch durchzusetzen oder gekränkter Rückzug. Beides unterbindet selbstverständlich Harmonie und Glückseligkeit. Im unglücklichsten Fall tritt Wut, Zorn und Frustration ein. Wenn man dann dem Partner/der Partnerin Vorwürfe und Teller um die Ohren schmeißt, macht man sich abhängig – das wiederum führt zu einem grenzenlosen Gefühl der Ohnmacht. Wenn man mit seinen Erwartungen bewirken will, dass der andere einmal die Waschmaschine füllt, von sich aus einen romantischen Abend plant, nicht um die Häuser zieht, weil es der letzte gemeinsame Abend für längere Zeit ist oder einfach nur verbindlicher ist, fordert man. Durch Forderungen entstehen Konflikte, denn selten möchte jemand in eine bestimmte Rolle gedrängt werden. Hier gibt es wieder zwei Wege: Widerstand, weil man sich der eigenen Freiheit beraubt fühlt und seine Autonomie aufrecht erhalten will oder aber das Gegenüber beugt sich, der Harmonie wegen.

Der Umkehrschluss lautet, Passivität vergiftet die Beziehung und somit zerstören Erwartungen die Partnerschaft und die gemeinsame Zeit.

Eine gute Freundin erkannte ihr Erwartungs- und Klammerproblem und wusste, dass sie etwas dagegen unternehmen musste, da die Beziehung schon massiv darunter leidet. Nur was? Reflektierter in diese Situationen gehen, innehalten und sich fragen, ob man das genau so gerade will? So leicht ist das in den meisten Fällen nicht. Man schreit und weint sich in Rage und kann aus seiner Haut nicht heraus, man verliert den Boden unter den Füßen, ist ein Häufchen Elend und schämt sich für sein Verhalten, während man furienartig durchdreht und es nicht und nicht stoppen kann. Die Unsicherheit, das fehlende Selbstwertgefühl, das „den anderen auf ein Podest stellen“, bringt uns dazu, Haare zu spalten, vom Hundertsten ins Tausendste zu rasen und den anderen stetig aber sicher in die Verzweiflung zu stürzen. Das Erkennen der eigenen Reaktionen und Ergründen-Wollen ist ein guter Anfang.

Ein anderer Bekannter lebt in seiner eigenen Welt der Erwartungen, weint viel und betitelt die Partnerin als egoistisch. Obschon der Wartende nicht registriert, dass er durch seine Erwartungen, die vom anderen erfüllt werden müssen, egoistisch hoch 10 ist. Er möchte, dass sofort über seine Bedürfnisse gesprochen wird. Versteht nicht, dass der andere eventuell müde ist, vom langen Arbeitstag, der anstrengenden Autofahrt oder einfach nur von den nervenzehrenden und sekündlichen Vorwürfen des anderen. Denn einem der erwartet, kann man es sehr selten recht machen und wenn man möchte, findet man überall etwas, dass einem wieder nicht so ganz in den Kram passt, sogar ohne danach gesucht zu haben. Wirklich! Man versucht dem Partner/der Partnerin Schuldgefühle zu machen, da ihm/ihr die Beziehung nicht so wichtig zu sein scheint, wie einem selbst. Das laugt aus. Beide!

Passivität vergiftet die Beziehung. Der andere ist nicht für dein Leben und dein Glück verantwortlich. Miteinander reden und sich dabei mit Hirn und vor allem mit Herz verstehen, wird die Beziehung bestimmt weiter bringen. Jedoch muss man die Erwartungshaltung, die man verinnerlicht hat, mit sich selbst ausmachen. Der andere hat damit nichts zu schaffen. Den anderen verständnisvoll und großzügig sein lassen, ist der Weg.